Linke Liste

an der Ruhr-Universität Bochum

»Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.«

B. Brecht

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21.Dezember2005

Informationen zum politischen Alltag


21.Dezember2005

Universität

Nr. 1

* Die Bezeichnung Universität für "Hochschule" wurde im 14. Jh. (mhd. universität) aus lat. universitas (magistrorum et scolarium) "Gesamtheit (der Lehrenden und Lernenden)" entlehnt.

Wer die moderne Massenuniversität für das äußerste hält, irrt. Im ansonsten verrufenen Mittelalter beispielsweise, lange bevor man sich auf die Freiheit der Wissenschaft allzu viel einbildete, wurde, wer von Herkunft dazu bestimmt war, zwar einerseits Theologe, aber immer auch Universalgelehrter. Die Unterrichtung in den artes liberales, den so genannten sieben freien Künsten, war Garant für menschenmögliche Erkenntnis und ein in Grenzen sorgenfreies Leben. Seit Jahrhunderte später, alsbald von aufgeklärter in unternehmerische Hand übergelaufen, die Universität sich entschlossen hatte, nicht mehr universitas zu sein, sondern sich als Gemischtwarenhochschule einzurichten, war es damit vorbei. Die Erlösung, nicht mehr Theologen werden zu müssen, zahlen Studenten und - Ironie des Fortschritts - auch Studentinnen heute damit, sich zu Volltrotteln einer Disziplin diplomieren zu lassen.

Studieren heißt vor allem: einen Studiengang wählen und am besten schon wissen, was hernach damit anzufangen ist. Wissen hängt vorab daran, ob es einem vorgesehenen ’Arbeitsplatz’ zugeordnet werden kann. Und blind arbeitsteilig wie die Produktion ist bereits die Wissenschaft als dazugehörige Produktivkraft organisiert. Ihr überlieferter Anspruch bleibt von solcherart Demokratisierung nicht unbeschadet. Was allerdings weniger dem reaktionären Verdacht Recht gibt, dass viele auf einmal nicht denken können. Im Gegenteil ist es die an der Fabrik geschulte Wissenschaft selbst, die, indem sie nur auf isolierte Zwecke hin zu denken zulässt, Erkenntnis systematisch sabotiert, einbegriffen die ihrer eigenen gesellschaftlichen Möglichkeit. Die Aufsprengung des Wissens in zahlreiche Wissenschaften ist im buchstäblichen Sinne praktisch. Sie hat eine ebensolche Vielzahl von Wahrheitsdiskursen hervor gebracht, deren gemeinsamer Nenner nicht zufällig ein verkürzt erfahrungswissenschaftliches Erkenntnisideal ist. Eine Wahrheit wie etwa die, dass jene ’Wissensgesellschaft’ ein verrückter, aber zum Trost nicht unendlicher Zirkus ist, gerade so wie die kapitalistische Gesellschaft im Ganzen, ist keiner ihrer Wissenschaften mehr vermittelbar. Erst ein Scholastiker würde sie womöglich verstehen.


21.Dezember2005

Arbeit

Nr. 2

* Das gemeingerm. Wort Arbeit bedeutete ursprünglich im Deutschen noch bis in das Nhd. hinein "schwere körperliche Anstrengung, Mühsal, Plage". Den sittlichen Wert der Arbeit als Beruf des Menschen in der Welt hat Luther mit seiner Lehre vom allgemeinen Priestertum ausgeprägt.

"Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", lautet ein Sprichwort, das den sozialistischen Bebel mit der christlichen Bibel eint. Und um die Arbeit auch in Zeiten ihrer Krise zu heiligen, ist den Parteien aller Länder jedes Mittel recht: Arbeitszwang für Arbeitsscheue, Jobwunder her, wo es nichts zu tun gibt. Bei New Labour etwa ist der Name schon Programm. Noch die unsinnigsten Beschäftigungsmaßnahmen werden ersponnen, damit nicht später einer isst, der nicht für sein Brot malocht hat. Wird auch menschliches Zutun nach dem Stand der Möglichkeiten zunehmend überflüssig, erscheint die Arbeit allen Beteiligten umso dringlicher. Einmal auf den Markt geworfen, fordern sie nicht einfach Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum, sondern zunächst und vor allem Arbeit.

Unterschlagen wird dabei gern das Kleingedruckte, dass Arbeit im unterstellten Sinn keine kategorische Naturnotwendigkeit - also nicht identisch mit Tätigkeit schlechthin -, sondern ein ab-straktes, zugleich selbstzweckhaftes Zwangsprinzip der kapitalistischen Gesellschaft darstellt, das nur beiläufig dazu angetan ist, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, zuallererst aber Wert zu produzieren. Wer dazu nicht taugt, weil er oder sie nicht rechtzeitig Fuß fasst in den Tretmühlen der Arbeitsgesellschaft, geht zu Sonderpreisen in die bunte Welt der Dienstleistungen oder fällt in die Erwerbslosenstatistik, und das heißt: unten durch. Denn Nichtarbeit bedeutet den Betroffenen nicht Vergnügen, sondern wird zum Stigma der eigenen Überflüssigkeit, wenn nicht, wie in den verstoßenen Regionen der Globalökonomie bereits gang und gäbe, zur Überlebensfrage.

Die Kritik der Arbeit mit dem praktischen Ziel ihrer Aufhebung liegt nicht nur quer zum herrschenden Arbeitsdiskurs, sie ist zugleich notwendige Herausforderung linker Politikgewohnheiten, die selbst innerhalb der fetischistischen Formen kapitalistischer Vergesellschaftung verbleiben, und schreckt auch nicht vor den eigenen Konsequenzen realpolitisch zurück.


21.Dezember2005

Burschis

Nr. 5

* Das aus mlat. bursa entlehnte mhd. burse "Beutel, Kasse" erscheint seit dem 15. Jh. als Name von Studentenhäusern (danach noch nhd. Burse ’Studentenheim’). Als frühnhd. Form galt ’die Bursch[e]’, das, als Plural gefasst, Anlass zu einem neuen Singular‚ der Bursch gab.

Die Männer mit den merkwürdigen farbigen Bändern um den Hals sind hier, um zu keilen, d.h. sie werben Nachwuchs - für einen "Haufen von verhetzten, irregeleiteten, versoffenen, farbentragenden jungen Deutschen", wie Kurt Tucholsky Verbindungsstudenten bezeichnete. Dazu gehört das Anbieten von preiswertem Wohnraum ’auf dem Verbindungshaus’ oder die Einladung zu Veranstaltungen. Versprochen werden lebenslange Freundschaft, Unterstützung während des Studiums und beim Aufbau einer späteren Karriere. Gerne ist auch die Rede von demokratischen Traditionen und Toleranz. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Frauen, Ausländer und Kriegsdienstverweigerer sind – zu ihrem Glück – als Mitglieder meist unerwünscht. In den Verbindungen sind es vor allem die ’Alten Herren’, die das Sagen haben.

Und auch die Aktiven, also die studentischen Mitglieder, pflegen autoritäre Rituale. Bei schlagenden Verbindungen gehört zum Aufnahmeritual die ’Mensur’, ein kompliziertes Fechtritual mit scharfen Waffen, bei dem ein Ausweichen nicht erlaubt ist. Gesichtsverstümmelungen, sogenannte Schmisse, können die Folge sein. Zentrales Moment aller Verbindungen ist der Elitegedanke: Wenn man die Aufnahmekriterien einmal erfüllt hat, protegieren nach Beendigung des Studiums die ’Alten Herren’ den Nachwuchs der selbst ernannten Elite der Nation in profitable Jobs - frei nach dem Motto ’Kennen statt Können.

In der Geschichte der Korporationen gab es einige wenige demokratische Ansätze, aber insgesamt ist sie reaktionär-antidemokratisch bis zutiefst braun. Auch heute ist es keine Ausnahme, wenn auf Verbindungshäusern das Deutschlandlied in allen drei Strophen gesungen wird. Personelle Überschneidungen zum rechtsextremen Lager sind weder selten noch zufällig. Nicht alle Verbindungen sind rechtsextrem, dennoch sind sie fast alle durch ihre jeweiligen Verbände in einer gemeinsamen Dachstruktur organisiert, und verweigern nach wie vor, sich von den zahlreichen rechtsextremen Verbindungen explizit und öffentlich in ernst zu nehmender Weise zu distanzieren.


21.Dezember2005

Verkehr

Nr. 7

* Die Bedeutung der Substantivbildung Verkehr (18. Jh.) war ursprünglich "Handels[verkehr], Umsatz, Vertrieb von Waren". Aus ihr hat sich die allgemeinere Bedeutung "Umgang, gesellschaftlicher Kontakt" entwickelt.

Vielen erscheint Murphys Gesetz überirdisch, nur weil es sich qua göttlichen Wirkens Geltung verschafft. Dabei gehört es zu unseren Alltag, wie die Schnitte Brot, die mit der belegten Seite auf dem Boden landet: "Alles, was schief gehen kann, geht schief." Speziell für Chemie-Studis gilt: "Heißes Glas sieht genau so aus wie kaltes."

Murphy’s Law gilt natürlich auch im ÖPNV. KennerInnen der Bochumer U-Bahn wissen aus leidvoller Erfahrung um die längste Minute der Welt. Oder kennen Sie den beliebtesten Witz der Dt. Bahn AG? "Es fährt in wenigen Minuten ein der Zug Richtung ..."

Viele Fahrgäste schmauchen dann erst einmal eine Zigarette. Nützt ihnen aber nichts, Murphy ist unbestechlich. Da man in der S-Bahn nicht rauchen darf, kommt der Zug mit einer statt mit zehn Minuten Verspätung. Ganz Schlaue verfielen schon dem Wahn, durch bewusstes Rauchen den Zug hervorlocken zu können, was Murphy lakonisch mit mehreren Strafminuten beantwortet. (Umgekehrt wird’s ganz übel: Bewusstes Nichtrauchen führt zu mindestens zwanzig Minuten Verspätung.)

Glaubt man nicht an solch esoterischen Kram, dann existiert nur eine plausible Interpretation des beobachteten Phänomens: Es gibt gar nicht den allerorten angeprangerten massiven Stellenabbau bei Bogestra und Bahn AG, sondern lediglich eine Stellen-Umstrukturierung zugunsten des Wohlbefindens der Kunden. Es gilt schließlich, dem steigenden Sicherheitsbedürfnis der Fahrgäste entgegenzukommen, wenn es nun schon mal Wartezeiten gibt, während denen sich kriminelle Subjekte - z.B. marodierende Punks - von hinten anschleichen könnten, um Hab’, Gut oder Leben zu rauben. Also investieren die Verantwortlichen in Überwachungskameras und Wachpersonal, um gefährliche Nicht-KundInnen sauber und effizient der Staatsmacht übergeben zu können.

Das treibt die Kosten, weswegen leider das Angebot im Regionalverkehr reduziert werden muss. Die flächendeckende Überwachung von Brückenpfeilern ist technisch ebenfalls noch nicht realisierbar, weswegen hin und wieder mal ein ICE an die Wand klatscht. Womit bewiesen ist, dass Murphy’s Law entgegen der Annahme doch gilt.


21.Dezember2005

Marxismus

Nr. 8

* Kontr. Marcks, Marx, auch Marcus, patr. Marcussen: der Evangelist, wie Lukas, erst im 15. Jh. aufkommend, als bibl. N. zur Reformationszeit in Mode. Marx (Marcus) Elsener 1558 Liegnitz. Obd. auch Merx: Merx Gyser/Württemberg. Vgl. slaw. Markuske, Kuske, Kuschke.

Der Marxismus ist die revolutionäre Weltanschauung des Proletariats, hätte man früher zu hören bekommen. Oder, wie noch heute, die intellektuelle Rechtfertigung des Gulagbetriebs. Beides ist falsch: Das eine hat sich geschichtlich blamiert, das andere ist schlicht gelogen. Wahr hingegen ist, dass schon zu Marx’ Zeiten gegnerische Fraktionen innerhalb der Arbeiterbewegung abfällig als Marxisten bezeichnet wurden, bevor sich ein positiver Bezug auf Marx unter dem Label Marxismus durchgesetzt hat. Für den sozialdemokratischen Teil wurde die Theorie bald zur Reformfrage innerhalb der kapitalistischen Staaten umfunktioniert, während die kommunistischen Parteien den Marxismus als Revolutionstheorie nach sowjetischem Vorbild festschrieben. In Gestalt des Marxismus-Leninismus geisterte er so als abwechselnd revolutionäre Mode und Staatswissenschaft des Realen Sozialismus umher.

Seit es damit vorbei ist, die kommunistischen Parteien entweder gar nicht mehr oder wie die sozialdemokratischen nur noch nominell existieren, gilt der Marxismus als tot. Nimmt man es etwas genauer, ist allerdings der Marxismus - als vorgestellte Einheit von kritischer Theorie und praktischer Kritik der bürgerlichen Gesellschaft – lange vor seinem offiziellen Ende eingegangen: Seit die historische Gelegenheit versäumt wurde, der Osten über eine nachholende staatskapitalistische Entwicklung nicht hinauskam und der Westen anstelle einer Revolution den Faschismus zuwege brachte, war es mit der Einheit revolutionärer Theorie und Praxis dahin. Was bis zum Sturz der Ikonen Staatsbürgerkunde des Ostens war, hat sich fernab vom kommunistischen Tamtam der Studentenrevolte auch in die des Westens integriert.

Der Schutzheilige Marx ist so tot wie Jesus Christus. Mit dem dahinter verschütteten Marx allerdings, der mit oder ohne kämpfendem Proletariat zur Seite weiterhin Bedingung ist für jede noch gültige Gesellschaftskritik, hält der von Staat und Markt noch nicht vollends verblödete Teil der Menschheit immerhin die Erinnerung fest, dass es anders sein könnte.


21.Dezember2005

Gentechnik

Nr. 9

* Der biologische Fachausdruck für den in den Chromosomen lokalisierten Träger einer Erbanlage ist eine Prägung des dänischen Botanikers W. Johanssen (1857-1927). Dazu stellen sich Zusammensetzungen wie Gentechnologie und Genmanipulation (20. Jh.).

Würde Kolumbus erst im Zeitalter des Europäischen Patentamtes (EPA) auf Reisen gehen und ebenso erfolgreich wie anno 1492 sein, könnte er Amerika problemlos beim Europäischen Patentamt anmelden und an der Börse den großen Reibach machen, auch wenn er sich nicht mal im Klaren darüber war, was er da Schönes entdeckt hatte.

Für menschliche Zeitrechnung nur unwesentlich älter dürften die die Gene alles Lebendigen ausmachenden Basenpaarungen sein, deren chemische Zusammensetzung bereits vor 40 Jahren beschrieben wurde und heute als ‚Erfindungen’ angemeldet werden können, wenngleich von den meisten der rund 100000 menschlichen Gene nicht einmal ihre Funktion bekannt ist. Die PatentbesitzerInnen kontrollieren jedoch alle Anwendungen, die entwickelt werden können, wenn sich herausstellt, dass ihr Gen für wichtige Krankheiten, Augenfarbe, Intelligenz, Gewalttätigkeit oder was sonst noch alles angeblich genetisch determiniert sein soll, verantwortlich ist - ähnlich wie bei Monopoly, man kauft eine Straße und wartet, bis wer drauftritt. Da sich die großen Life-Science-Konzerne die meisten Patente leisten, entscheidet eine kleine Anzahl von Firmen darüber, für welche Krankheiten Medikamente entwickelt werden, an welchen Genen von wem geforscht werden darf, und um welchen Preis. So verbot eine das Patent an den Brustkrebsgenen BRCA 1+2 haltende Firma sämtliche diese betreffende Untersuchungen, wodurch die Forschung und somit eventuelle Heilungschancen verzögert und verteuert werden.

Das Patent als Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Interessen und den wirtschaftlichen Zielen der Inhaber verwischt hier die Grenzen zwischen Produkt und Lebewesen und führt zur Verdinglichung und ökonomisierung alles Lebendigen. Die Richtlinie "Rechtlicher Schutz biotechnologischer Erfindungen" des EPA ermöglicht durch die Patentierung menschlicher Organe und Zellen die endgültige Kommerzialisierung des Körpers und widerspricht somit letztlich der verfassungsmäßig garantierten Würde des Menschen.


21.Dezember2005

Ehe

Nr. 10

* Ehe f. ‚gesetzliche Verbindung von Mann und Frau‘. Aus dem westgerm. Wort für ‚Gesetz, Recht, göttliches Gebot, Vertrag‘ ahd. êwa, êwî f. (8. Jh.), mh. mnd. ê(we), mnl. ewe, ee, afries. â, ê, êwe, êwa, asächs. êo, êu, aengl. âê, âêw entwickelt sich (außer im Afries. und Asächs.) die neue, im heutigen Dt. allein erhaltene Bedeutung ‚Ehevertrag, Ehe‘.

Einst ein probates und beliebtes Mittel feudaler Machtpolitik, im bürgerlichen Zeitalter angereichtert durch ebenso bürgerliches Fabulieren von Romantik, ewiger Liebe, strengster Monogamie, Aufopferung für Vater(land) und Familie, war niemals und ist bis heute die Ehe vor allem eines nicht: heilig. Sondern eine staatlich wie kirchlich geförderte Struktur, die das Fortbestehen patriarchalischer Dominanzverhältnisse offenbar sehr effizient mit zu sichern vermag.

Dass sich in der Ehe die strukturelle Gewalt des Staates fortsetzt, bedeutet dabei vor allem, dass eine ’Ehe’ genannte Beziehung immer auch Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse enthalten muss. Denn auch wenn die Beteiligten sich größte Mühe geben, ihrer Umwelt etwas anderes vorzugaukeln, sind auch sie an geltendes Recht und Gesetz (etwa 800 Rechtsvorschriften sind’s bzgl. dieses archaischen Konstrukts) gebunden und haben somit zwangsweise die ihrer Ehe zukommenden Funktionen zur (Re-)Produktion struktureller männlicher Dominanz zu erfüllen; etwa wenn eins der Verheirateten im Leben keinen vom Anderen unabhängigen Sozial-, Kranken- und Rentenversicherungsanspruch bekommt; der Typ, der seine Frau vergewaltigt hat (und nach wie vor finden die meisten Fülle sexualisierter Gewalt im ’familiären Umfeld’ statt) nur unter größten Schwierigkeiten in den Knast zu bekommen ist usw.

Zu denken, all dies könne überwunden werden durch Reformen des Eherechts – dadurch, dass bspw. seit den 1970ern Ehefrauen ohne Erlaubnis des Gatten einer Erwerbstätigkeit nachgehen dürfen oder bald auch homosexuelle PartnerInnen heiraten dürfen – ist utopisch. Machbar hingegen wäre es, die Ehe abzuschaffen und allen Menschen zuzugestehen, Zeugnisverweigerungs-, Erb-, Besuchs- und alle sonstigen Rechte beliebig an beliebig viele selbst ausgewählte Personen zu verteilen, ohne damit ökonomische Abhängigkeiten zu schaffen und Sexualitäten regulieren zu wollen.


21.Dezember2005

Kapital

Nr. 11

* Kapital, n. ’Vermögen, (zinstragende) Geldsumme’, entlehnt (Anfang 16. Jh.) aus ital. capitale ‚Wert, Grundsumme, Vermögen in Geld, Reichtum’, das auf lat. capitalis ‚den Kopf, das Leben betreffend, hauptsächlich’, auch ’schwerwiegend, wichtig’.

Will man die moderne Gesellschaft mit einem Wort zusammenfassen, muss man sich an Marx halten. Mit Bedacht hat dieser seine kritische Theorie der Gesellschaft nach dem benannt, was das Moderne an Gesellschaft überhaupt ausmacht: Kapital. (Daran hat auch die so genannte Postmoderne bisweilen nichts geändert.)

Das Kapital hat die besondere Eigenschaft, dass es die Menschen, die seine Gesellschaft bewohnen, nicht nur reich oder arm macht, sondern sie zudem über seine eigene gesellschaftliche Natur im Unklaren lässt. Wer etwa am Tresen mit einem Hundertmarkschein bezahlt, wird von Umstehenden gern als Kapitalist bespottet. Andere sagen, wenn ihnen das Bier zu teuer wird, das seien ja kapitalistische Preise. Etwas besser als Leute, die kein Kapital haben, wissen es gewöhnlich die Unternehmer und Anleger. Für sie ist, ganz praktisch, Kapital eine Wertsumme, die sich in einem gegebenen Zeitraum vermehrt - wie von Zauberhand. Von Sozis erfährt man gelegentlich, dass es sich beim Kapital im Grunde um diejenigen handelt, die am meisten davon haben und also sich den größten Anteil des produzierten Reichtums als Profit aneignen.

Kapital ist nicht bloß Geld, Ware oder Klasse, obwohl es notwendig damit vorkommt. Es bezeichnet vielmehr ein gesellschaftliches Verhältnis, das seiner Tendenz nach seit je und heute tatsächlich die Gesamtheit der sozialen Beziehungen auf dem Globus umfasst. Wer kritisch von Kapital spricht, meint den Umstand, dass alles, was Menschen denken und tun können, immer schon darauf bezogen ist. Das Kapital ist der abstrakte und sich selbst Zweck seiende Reichtum, dessen einzige Bestimmung es ist, mehr davon aufzuhäufen; koste es, was es wolle. Es liegt in der Sache, dass der so produzierte Reichtum ausschließlich dem zahlungsfähigen Teil der Menschheit zukommt, während die bankrotte Mehrzahl dürftig ausgehalten wird oder vor die Hunde geht. Daran wird kein Krisenreformprogramm etwas ändern, solange die Menschen nicht, wie sie es könnten, vernünftig und nach ihren Bedürfnissen, sondern nach Logik eben des Kapitals die Welt einrichten.


21.Dezember2005

Ficken

Nr. 12

* Seit dem 16. Jh. ist für das in den Mundarten überall verbreitete Verb auch die Bedeutung ’miteinander schlafen’ nachzuweisen, die im gesamten dt. Sprachgebiet üblich wird. Diese metaphorische Verwendungsweise, die auf Grund der Ausgangsbedeutung wohl von Anfang an anstößig gemeint ist, macht ficken im Nhd. zu einem äußerst derben Ausdruck mit nur geringer literarischer Bezeugung.

Obwohl die praktische Lösung der zahlreichen (teils peinlichen) Probleme im Zusammenhang von Sexualität und Liebe erst nach der sozialistischen Weltrevolution erwartet wird, gibt es gute Gründe, sich bereits jetzt mit Fickformen und den sie verschleiernden Beziehungsstrukturen auseinanderzusetzen, nämlich:

1. Gute Unterhaltung

2. Revolution Wie Klowände, unzählige Trash-Talkshows, Bravo, Kontaktanzeigen, das Grundgesetz, der notorische Gebrauch der Wörter "Ficken", "verfickt", "Möse", "Schwanz" und sowas doch recht deutlich machen, gibt es einen immensen Drang zum Ausdruck sexueller Frustration in allen Lebensbereichen. Dies zeigt einerseits, dass die sexuelle Repression ein reales Hindernis für ein angenehmes Leben ist, andererseits, dass ständig hilflose Lösungsversuche unternommen werden, die einfach gar nichts bringen (abgesehen vom Beweis der Existenz sexueller Repression) und haufenweise Zeit und Kraft verschwenden. So besteht augenscheinlich ein sowohl persönlicher als auch historischer Lösungsbedarf für diese Problematik.

Schon bei rein oberflächlicher Betrachtung der Beziehungsformen und ihrer Widersprüche in Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen wird offensichtlich, dass hierin ein Beweis für die zerstörerische Tendenz des Kapitalismus liegt. Um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse in die expandierende Warenform zu zwängen, müssen die religiösen und sonstigen moralischen Traditionen zur Unterdrückung der Sexualität zwar beseitigt werden, andererseits kann und darf das Kapital es freilich nicht soweit kommen lassen, dass "die Verhältnisse [...] den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen" (Marx). Stattdessen ist es sehr erfolgreich, darin profitable Verwirrung zu stiften.

3. Persönliche Genugtuung Die herrschenden Beziehungsformen und ihre Ideologie stellen eine Beleidigung kritischen Intellekts und einen Affront gegen jeden vernunftbegabten Menschen dar. Also: Auch wenn es schwerfällt, die liebgewonnenen repressiven, allgemein vorherrschenden Beziehungsstrukturen in die Tonne zu kloppen, ist es dennoch sinnvoll, die Verhältnisse dieser Gesellschaft aus einer ’utopischen’, über das System hinwegweisenden Perspektive zu betrachten und letztendlich auch danach zu handeln.


21.Dezember2005

Drogen

Nr. 13

* Das Wort Droge wurde im 17. Jh. in der Bed. "(tierischer oder pflanzlicher) Rohstoff" aus gleichbed. frz. drogue entlehnt, das wahrscheinlich zu nhd. trocken gehört, und zwar als Entlehnung aus dessen niederd. Form droge oder niederl. Form droog.

Häufig kommt es, dass +ber Hanf vor allem im Zusammenhang mit Verkehr berichtet wird: In Baden-Württemberg etwa wurden Schulungen für PolizistInnen eingeführt, bei denen die Identifikation von KifferInnen erlernt werden soll. Neben den zur Genüge verbreiteten Vorurteilen über gerötete Augen oder blödes Lachen (was ja unter Alkoholeinfluss bekanntlich so gut wie ausgeschlossen ist), ist die Desinformation unter anderen Gesetzesauslegern noch schwerwiegender.

So sind die Ansichten von RichterInnen mitunter noch geprägt von Killerdrogenkampagnen – was allerdings auch durch die (Bundes-)Gesetzgebung gestützt und gefördert wird. Denn während sich für die Auswirkungen von Alkohol jedeR sicher ist, aufgrund eines bestimmten, niedrigen Alkoholpegels sich selbst Fahrtüchtigkeit attestieren zu können, droht HanffreundInnen der Führerscheinentzug schon bei jeglichem Nachweis der Substanz im Körper.

Immer mal wieder werden Horrorgeschichten von Abhängigkeit, Scheißegal-Attitüde, wenn nicht sogar Renitenz gegen die Obrigkeit (oder ist das etwa als Kompliment gemeint?) herausgekramt. Als Lehre lässt sich aus derartigen Possen leider nur eine Binsenweisheit ziehen: Es gibt v.a. eine Gefahr, die für THC-KonsumentInnen größer ist als für Alkoholtrinkende. Nämlich die, bestraft zu werden, und sei es durch Führerscheinentzug für eine Wochen zuvor heruntergebrannte und nicht beim Steuern eines Fahrzeugs wirkende Tüte.

Drogenprobleme entstehen also nicht durch Substanzen, sondern durch Verbote. Eine Gesellschaft, die sich freiheitlich schimpft und etwas gegen Drogenprobleme tun will, hat zunächst einmal ihren Insassen nicht in ihre Konsumgewohnheiten zu quatschen.


21.Dezember2005

Queen

Nr. 14

* „God save the Queen, God save our mad parades...“ (Sex Pistols)

„You look younger than ever“ möchte man Queen Elizabeth II. anlässlich ihres Goldenen Thronjubiläums zurufen, hätte man diesen Ausspruch nicht schon längst für ihre ginkonservierte Mutter reserviert. Wenn die Königin in diesem Jahr mit ihren teletubbyfarbenen Kostümen allgegenwärtig sein wird, so wird sie tatsächlich jünger aussehen als die meisten ihrer KritikerInnen. Egal ob John Lydon mit einer Neueinspielung von „God save the Queen“ droht, Labour ihren neoliberalen Kurs durch „revolutionäre“ Forderungen wie der Reform des Oberhauses oder der Besteuerung des königlichen Besitzes kaschieren wollen oder gar Linke die Loslösung Schottlands vom United Kingdom als emanzipative Politik propagieren, jene Progressiven, die sich nur noch an den vermeintlich vormodernen Residuen abarbeiten, haben längst den Blick für den Umschlag der Aufklärung in Barbarei verloren.

Insbesondere die deutsche Öffentlichkeit liebt dieses Spiel der konformen Rebellion, wenn sie einerseits verliebt auf die one-boygroup Prince William schaut und gleichzeitig immer wieder seit dem Tod der Kindergärtnerin über das nahe Ende der monarchistischen Tradition orakelt.

Dabei ist die Diskontinuität das einzig wirklich Beständige in der Geschichte des englischen Königshauses. Während Queen Victoria sich und die Monarchie als Empress of India mal eben neu erfand und sowohl über den geschichtlichen Bruch des Kapitalismus durch die Illusion monarchischer Dauerhaftigkeit hinwegtröstete, als auch den tatsächlichen Machtverlust der Krone durch Popularität kompensierte, wurde durch die BBC-Übertragung der Krönung Elisabeths 1953 die Monarchie vollends zum medialen Gemeingut und die Royal Family zur Fernsehfamilie von nebenan, die sich in der Form der soap opera permanent regeneriert. Gegen die dezente Omnipräsenz der Queen wirkt das hektische new economy-Treiben des gänzlich talentfreien Prince Edward noch würdeloser als der Wald&Wiesen-Konservatismus von Prince Charles.

Die Forderung nach einer Abschaffung oder Modernisierung der Monarchie ist anachronistischer als ihr Gegenstand. Sie führt nur zur Identifikation mit der tatsächlichen politischen Macht.


21.Dezember2005

Chaplin

Nr. 15

* Charles Spencer Chaplin geboren 1889 in London, als Staatenloser 1977 in der Schweiz gestorben.

Mit Charlie, dem Tramp, hat Chaplin die berühmteste Figur der Filmgeschichte geschaffen. Als Markenzeichen hat er das Star-Kino Hollywoods mitbegründet; als der „kleine Mann“, der die Zwänge der Gesellschaft überlistet, buchstäblich die ganze Welt begeistert. Keinem nach ihm ist es mehr gelungen, das große Publikum und die Intellektuellen seiner Zeit gleichermaßen anzusprechen.

Charlie, schon in Verkleidung und Gestik ein auffällig widersprüchlicher, aber grundsympathischer Kerl, ist ein gesellschaftlich gestempelter Verlierer, dem es durch Zufall und Tücke gelingt, als Sieger davonzukommen. Das Happy End, das ihn in jedem Film erwartet, gibt der Hoffnung auf menschliches Glück Ausdruck und ist zugleich voller Ironie. Keiner, der mit ihm hofft, mag es so recht glauben. Die auf den ersten Blick konservativen Wendungen, die Charlies Schicksal mit dem Rückzug vom Vagabundendasein ins Familienglück oder durch zufällig erworbenen Reichtum nimmt, sind selber Parodie auf die Erlösung, die nicht kommt. Bester Beweis dafür, dass Chaplins Komik als Kritik durchaus verstanden wurde, sind die Angriffe, denen er sich regelmäßig ausgesetzt sah. Als Kommunist verdächtigt, wurde er schließlich nicht mehr ins Land zurückgelassen.

Chaplin, der den amerikanischen Traum – vom armen Varietékünstler zum größten Filmstar der Welt – selber verwirklichte, hat ihn zugleich wie kein anderer karikiert. Walter Benjamin sah Chaplin schon damals in einer Reihe mit den sowjetischen Filmavantgardisten, und der Star selbst genoss zuzeiten die Gesellschaft von Leuten wie Brecht, Eisler und Adorno (der später ehrfürchtig berichtete, wie Chaplin ihn bei einer Party imitiert habe). Den Tramp gab er schon zu Lebzeiten auf, woran sein Alter und die Einführung des Tonfilms, vor allem aber Hitler die Schuld trug. Den kleinen Schnauzer hat Chaplin als „Great Dictator“ ein letztes Mal und dann nie wieder getragen.


21.Dezember2005

Sozialdemokratie

Nr. 16

* Sozial: Das zugrundeliegende Stammwort lat. socius „gemeinsam“ (Adj.); Genosse, Gefährte, Teilnehmer (Subst.)“ gehört vermutlich mit einer ursprünglichen Bedeutung „mitgehend; Gefolgsmann“ zum Stamm von lat. sequi „[nach]folgen, begleiten usw.“

Die Sozialdemokratie bezeichnet geschichtlich den Versuch, die Arbeiterbewegung (und die Linke insgesamt) in bürgerlichen Institutionen zu verankern mit dem Ziel, die kapitalistische Ordnung schrittweise zu überwinden. Modell aller Sozialdemokratie ist von jeher die SPD. Ein kurzer Lehrgang:

Gegründet wurde sie 1875 als Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands. Schon deren ersten Programmentwurf bezeichnete übrigens Marx als „verwerflich“. Spätestens seit Aufhebung der Sozialistengesetze 1890, seit die in SPD umbenannte Partei parlamentarisch bedeutsam wurde, beginnt eine Geschichte der ungeheuerlichsten politischen Verrenkungen, theoretischen Verballhornungen und schließlich – 1914 – der Verbrechen. Seit die sozialdemokratische Reichstagsfraktion dem deutschen Kaiser die Kriegskredite bewilligte, war der Aufstieg der Arbeiterpartei zum staatsmännischen Handlangerverein für besondere Aufgaben schier unaufhaltsam. Nach Abdankung der Monarchie kamen die Sozialdemokraten erstmals in Regierungsverantwortung. Es folgte die Niederschlagung der Revolution und die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. In der Weimarer Zwischenkriegszeit wurden kommunistische Organisationen von sozialdemokratischen Beamten verboten, Nationalsozialisten stets toleriert. Hitlers außenpolitischen Richtlinien konnte die SPD-Fraktion, bevor sie ihrerseits verboten wurde, gerade noch zustimmen. Nach 1945 profilierte sich die im Wiederaufbau begriffene Partei, obwohl nicht weniger antikommunistisch, als vor allem deutschnationale Alternative zur westlich orientierten Adenauer-CDU. Ihr „Staatssozialismus“ wurde 1959 auch programmatisch durch eine keynesianische, später nur noch „moderne“ Wirtschaftspolitik ersetzt. Unter sozialdemokratischer Regierung folgten in den Siebzigern Berufsverbote und „Radikalen“-Verfolgung, in den späten Neunzigern, erstmalig in der Nachkriegsgeschichte, eine direkte Kriegsbeteiligung Deutschlands in fremden Landen.

Die Frage ist also nicht, ob und unter welchen Bedingungen etwa die Sozialdemokratie als Vollzugsgehilfin der Linken in Betracht kommt, sondern ob sie es bald schaffen wird, neben Wehrmacht, Kirche und CIA als die vielleicht viertgrößte Verbrecherorganisation in die Weltgeschichte einzugehen. Als Farce hat sie dort immerhin schon einen Ehrenplatz.


21.Dezember2005

Bioethik

Nr. 17

* Ethos, „sittliche Haltung; Gesamtheit moralischer Lebensgrundsätze“: Das Fremdwort ist aus griech.(-lat.) ethos „Gewohnheit, Herkommen; Gestittung, Charakter“ entlehnt. Dazu gehört das Substantiv Ethik „Moralphilosophie, Sittenlehre“ (17. Jh.; aus lat. ethice, [res] ethica).

Seitdem die modernen Biowissenschaften es erlauben, gentechnisch ertragreichere Pflanzen zu erzeugen und die Stammzellenforschung Heilmittel für heute noch untherapierbare Krankheiten verspricht, führt die Öffentlichkeit kontroverse Diskussionen dazu: Während die eine Seite auf dem Standpunkt steht, was möglich ist soll auch gemacht werden und dem Fortschritt der Technik vertraut, wehrt sich die andere Seite aus moralisch-ethischen Gründen vehement gegen diese Entwicklungen.

Diese Debatte, mag sie noch so wortreich in den Zeitschriften ausgetragen werden, trifft aber nicht den Kern. Den Zeitpunkt, ab dem ein Zellhaufen ein Mensch wird, festzulegen, mag ebensolch akademischen Wert haben, wie darüber nachzusinnen, ob dem Menschen erlaubt ist, in die Schöpfung einzugreifen. Diese Diskussionen verschleiern, dass knallharte Profitgier Basis jeder Entwicklung auf diesem Bereich ist. Therapien wollen gekauft werden, am besten entwickelt man daher Therapien für zahlungskräftige Kranke, vorzugsweise die Besserverdienenden der Industrieländer. Krankheiten, die in Entwicklungsländern haarsträubend viele Opfer fordern, fallen daher unter den Tropenholzschreibtisch, wenn die Manager der Pharmaindustrie über neue Produkte nachdenken. Weniger betuchte Kranke werden Stammzelltherapien usw. nicht nutzen können. Im Gegenteil: Es werden weitere Abhängigkeiten erzeugt, da die Pharmaindustrie billige Gensequenzen, Eizellen und Versuchspersonen braucht. Genauso wenig werden die Designerpflanzen das Hungerproblem der Welt lösen, solange verschuldete Bauern Exportgüter für den Weltmarkt anbauen müssen, anstatt Nahrungsmittel für den Regionalbedarf.

Es lohnt sich daher, wie immer, zu fragen, wem die hitzigen öffentlichen Diskussionen nützen und wer welche Interessen verfolgt. Auch die moderne Bioindustrie beruht auf kapitalistischer Ausbeutung von Mensch und Umwelt. Leider machen sich hierzulande mehr Leute Gedanken um gefangene Labortiere und Gottes Monopolstellung in der Schöpfungsbranche.


21.Dezember2005

Kunst

Nr. 20

* Das zu dem unter Können behandelte Verb gebildete Substantiv bedeutet zunächst in enger Anlehnung an das Verb „Wissen, Kenntnis“, auch „Wissenschaft“. Dann wurde das Wort auch im Sinn von „(durch Übung erworbenes) Können, Geschicklichkeit, Fertigkeit“ verwendet. Seit dem 18. Jahrhundert bezieht sich Kunst speziell auf die künstlerische Betätigung des Menschen.

Benjamins Satz, dass jedes Kunstwerk auch zugleich eines der Barbarei sei, enthält eine doppelte Wahrheit: Entweder bildet es die bürgerliche Welt und die ihr immanente Barbarei als die beste aller möglichen Welten ab und erstickt im Happy End alle Gedanken daran, etwas könne doch im Argen liegen. Somit macht es sich zum Komplizen eben dieser Barbarei. Oder aber es versucht, sich mit den Erscheinungen der Gesellschaft, als deren „Antithese" Adorno die Kunst einmal bezeichnete, auseinander zu setzen, weil sie jene in ihrer Entfremdung darstellt und dadurch kritisiert.

Heutige Kunst ist vom Tauschprinzip so sehr in Beschlag genommen, dass sie sich diesem nicht mehr entziehen kann. Entweder das Produkt rechnet sich oder es wird weder technisch noch manuell reproduziert. Somit ist der (post)moderne Kunstbetrieb das, was auch die ihn umgebende Gesellschaft ist: Ein Markt, auf dem nach den Regeln des Tausches jede Ware einen Mehrwert abwerfen muss. Denn mit der Autonomie der Kunst verhält es sich wie mit der der Freiheit der bürgerlichen Individuen. Sie ist mehr real existierender Schein denn real. Die ersten, die versuchten, sich der Indienstnahme durch das Tauschprinzip zu entziehen, waren die DadaistInnen, SurrealistInnen und andere Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts. Mit ihrer Forderung nach einem Praktischwerden der Kunst radikalisierten sie die Kunstautonomie. Das Leben sollte ein von Traditionen befreites Kunstwerk sein. Auch wenn sie „nicht das verheißene abenteuerliche Glück beschieden" (Adorno) haben, so schien durch sie doch die Hoffnung auf eine Veränderung der Kunst und damit der Gesellschaft hindurch. Dass die Werke dieser Bewegungen selber zu Museumsstücken wurden, zu Gegenständen also, gegen die ihr Protest zuallererst sich richtete, ist nicht nur die zynische Rache der bürgerlichen Vernunft, sondern vielmehr auch notwendiges Resultat einer Kulturindustrie, die neben sich nichts mehr gelten lassen kann.

Ob „das ästhetische zur Produktivkraft" werden kann und somit zum „Ende der Kunst durch ihre Verwirklichung" führen mag, wie Herbert Marcuse 1969 noch optimistisch hoffte, ist nicht zuletzt auch eine Frage an die Kunstschaffenden und ihre RezipientInnen. Letzteren sei derweil empfohlen, statt Ken Follet besser Samuel Beckett zu lesen. Und einen Satz wie „Es lohnt sich nicht zu leben, solange man arbeiten muß", wie André Breton es in Nadja formuliert, dürfte ein Stuckrad-Barre schwerlich hinbekommen.


21.Dezember2005

Klauen

Nr. 21

* Ugs. ist der Gebrauch des Verbs klauen im Sinne von „stehlen“. Die alte und eigentliche Bedeutung „mit den Klauen fassen, kratzen“ ist nur mdal. bewahrt (vgl. ahd. klâwên, mnd. klouwen „krallen, kratzen“).

Der Kühlschrank ist leer, das Geld ist alle, der/die VermieterIn will endlich Geld sehen und der rettende Monatsanfang ist noch lange nicht in Sicht? Wahrscheinlich kennen die meisten von Euch solche oder ähnliche Probleme nur allzu gut. Auch an den Studierenden ist der allgegenwärtige Sozialabbau eben nicht spurlos vorübergegangen: Weniger als 20% der Studierenden bekommen Bafög und wegen diverser Gesundheits-, Arbeitsmarkt- und wer weiß welchen Reformen wird auch bei den Eltern das Geld weniger und damit die Unterstützung. Es wird also Zeit, sich eine andere Einnahmequelle zu erschließen. Konsumieren ohne zu bezahlen, gemeinhin auch „Klauen“ genannt, wäre eine solche Möglichkeit: Leckere Dinge, Bücher fürs Studium, schicke Klamotten und alles andere was in Umhängetaschen passt, zum Nulltarif sind eine feine Sache. Ladendiebstahl lohnt sich doch! Wer dreist genug ist, gibt sich vielleicht sogar als Möbelpacker aus und nimmt ganze Kühlschränke oder Waschmaschinen mit.

Zugegebenermaßen hat die Sache zwei entscheidende Nachteile: Zum einen ist das Ganze etwas stressig. Ständig nach LadendetektivInnen Ausschau zu halten, bzw. vor denselben davonzulaufen, macht einfach keinen Spaß. Andererseits kann man immer nur Naturalien erbeuten, von denen unglücklicherweise weder Studiengebühren noch Mietschulden bezahlt werden können. Auch die Stadtwerke werden Strom und Gas nicht wieder anschalten, nur weil man ihren MitarbeiterInnen Kaviar, Trüffeln und Pinienkerne ins Büro schüttet. Und sich darauf zu spezialisieren, geklaute Elektrogeräte zu verscheuern, ist neben dem Studium wohl zu aufwändig – und wird von der Polizei noch weniger gern gesehen als einfaches Klauen.

Klauen ist also nicht uneingeschränkt zu empfehlen (das wäre ja auch ein „Aufruf zu Straftaten“). Klauen mag zwar eine Übergangslösung sein, die Lohnarbeit oder der Gründung einer Ich-AG im Einzelfall vorzuziehen ist; aber auf lange Sicht setzen wir immer noch auf die Revolution.


21.Dezember2005

Klassen

Nr. 22

* Das seit dem 16. Jh. bezeugte Substantiv wurde in der allgemeinen Bed. „Abteilung (auch von Schülern)“ aus gleichbed. lat. classis entlehnt. Die jüngeren, im 18. Jh. aufkommenden Bedeutungen stehen unter dem Einfluss von frz. classe.

Politik und Forschung distanzieren sich heute von der Marx’schen Klassentheorie, v.a. von ihren verelendungstheoretischen und geschichtsphilosophischen Implikationen. Die Vorhersage von Marx, das Proletariat würde in bitterer Armut versinken und deshalb notwendig ein revolutionäres Bewusstsein ausbilden, sei aufgrund von realen Verelendungsprozessen und der tatsächlichen Zuspitzung klassenförmiger Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert zwar verständlich, letztlich sei sie aber durch die Pluralisierung der Lebenslagen und Lebensstile widerlegt. Die Beschreibung der Gesellschaft über den Gegensatz ‚Besitz versus Nicht-Besitz an Produktionsmitteln‘ möge zu Marx’ Zeiten zwar ihre Berechtigung gehabt haben, die komplexe Sozialstruktur einer modernen Gesellschaft könne sie aber nicht mehr sinnvoll beschreiben. Mit der Auflösung der frühindustriellen Klassengesellschaft hat scheinbar auch die Klassentheorie von Karl Marx ihre Existenzberechtigung verloren.

Scheinbar. Es ist zwar richtig, dass Marx mitunter die Grenze zur klassenkampftheoretisch fundierten Geschichtsphilosophie überschritten hat. Konstitutiv sind diese Aussagen für sein Hauptwerk (Das Kapital) aber nicht. Die Unterscheidung zwischen Menschen, die Produktionsmittel besitzen, und Menschen, die nur ihre Arbeitskraft zu Markte tragen können, dient in seiner Ökonomiekritik nicht der Begründung einer unausweichlichen kommunistischen Revolution. Sie ist vielmehr notwendiger Bestandteil eines heute fast vergessenen Forschungsprogramms: der Entschlüsselung der wesentlichen Objekte des Kapitalismus (Ware, Geld, Kapital, Recht, Staat) als nicht-natürliche Vorgaben, als Objektivationen von sozialen Beziehungen, die anders aussehen könnten und sollten. Eine solche allgemeine Theorie kapitalistischer Vergesellschaftung erhebt gar nicht den Anspruch, konkrete Schichten oder Milieus zu beschreiben. Die soziologische Kritik verfehlt damit ihren Gegenstand. Dieser weist selbst die pluralisierteste Gesellschaft als eine aus, „deren Produktionsverhältnisse den alten Gegensatz prekär konservieren“ (Adorno).