Linke Liste

an der Ruhr-Universität Bochum

»Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.«

B. Brecht

Sie befinden sich hier: Startseite > Publikationen > Magazine und Zeitungen

22.Januar2009

Beute dich doch selber aus!

Ein Blick in die schöne neue Arbeitswelt

Spätestens wenn der Hochschulabschluss in greifbare Nähe rückt, drängt sich für die meisten Studierenden die Frage auf, was wohl danach folgt. Für die meisten Absolventen ist nach der Uni ein Job, also die eine oder andere Form von Lohnarbeit, angesagt. Grund genug, einmal über den Tellerrand der Hochschule hinauszuschauen und das, was sich in der Arbeitswelt tut, einmal genauer zu betrachten.


Wenn gemeinhin von Arbeit gesprochen wird, so ist damit in der Regel eine Form von Erwerbsarbeit gemeint, die als Normalarbeitsverhältnis bezeichnet wird: Eine Vollzeitstelle mit festen vorgegebenen Arbeitszeiten (je nach Branche zwischen 35 und 42 Wochenarbeitsstunden) und einer per Tarifvertrag geregelten Bezahlung, die für alle in vergleichbaren Postionen auch eine vergleichbare Entlohnung garantiert. Seinen Anfang findet es mit Abschluss der Ausbildung, wird vielleicht von dem einen oder anderen Wechsel des Arbeitsplatzes begleitet und findet sein Ende mit dem Beginn der Rente. Das Normalarbeitsverhältnis etablierte sich während der fordistischen Ära, die in Deutschland ihren Höhepunkt in den 1960er und 70er Jahren erreicht hatte. Vor allem die industrielle Massenproduktion war charakteristisch für diesen Abschnitt in der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft. Neben einer für große Bevölkerungsteile relativ starren Normalbiographie brachte der Fordismus auch eine ganz eigene Art der Organisation von Arbeit hervor. Explizites Ziel war, ganz im Sinne eines Weber‘scher Rationalitätsbegriffs, die weitgehende Objektivierung der Arbeitskraft der Beschäftigten – was im Gegenzug die Ausgrenzung ihrer Subjektivität und persönliche Eigeninitiative bedeutet. Entsprechend gering fällt in dieser Art des Produktionsregimes die Autonomie des einzelnen Beschäftigten aus: Gearbeitet wird wie es das Unternehmen, sei es per bürokratischer Reglementierung oder in Form des Firmenpatriarchen, vorschreibt und im schlimmsten Fall bedarf selbst die Bestellung eines Kugelschreibers noch der Freigabe des Vorgesetzten.

Not with us!?

Folgerichtig war und ist diese Form der Arbeitsorganisation auch immer wieder Gegenstand von Kritik. Sei es von Seiten einer radikalen Linken, deren Ziel es seit jeher war, eine Gesellschaft ohne Lohnarbeit zu schaffen, oder von Seiten des sozialdemokratischen Reformismus, dessen Politik sich vor dem Hintergrund einer verkürzten Marx-Rezeption stets nur auf die krassesten Auswüchse der Lohnarbeit beschränkte (und damit in den 70er Jahren, allerdings erfolglos, auf staatlicher Ebene Programme anstoßen konnte). Darüber hinaus – und hier wird es interessant – sind es aber auch die Beschäftigten selbst, die mehr Autonomie, mehr Flexibilität und mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung einfordern. Dies geschieht weniger auf der Ebene expliziter politischer Organisation, sondern auf einer auf den ersten Blick individuell erscheinenden Ebene der Einstellungen zu Arbeit und Leben. Nicht zuletzt aufgrund des späteren Eintritts in die Phase der Erwerbsarbeit – bedingt durch längere Ausbildungszeiten – und der damit einhergehenden längeren und bewussteren Erfahrung nicht-arbeitsbezogener Freiheiten erscheint die offensichtlich fremdbestimmte Arbeit fordistischer Prägung zunehmend als einengendes Korsett. Wer Jahre damit zugebracht hat, sich auf diversen Wegen umfangreiches Wissen anzueignen, der möchte auch nicht wegen jedem Kugelschreiber den Chef fragen oder unbedingt „from nine to five“ im Betrieb sein müssen, wenn es sich – je nach persönlicher Präferenz – doch auch nachts von zu Hause aus gut arbeiten lässt. Die Grenzen der Arbeitsverhältnisse werden in Frage gestellt: Räumlich, in Bezug auf den Arbeitsort, zeitlich, in Bezug auf die Arbeitszeit und inhaltlich, in Bezug auf den Aufgaben- und Kompetenzbereich.

When 2 become 1

So paradox es auf den ersten Blick auch scheinen mag: Dies kommt für Unternehmen keinesfalls ungelegen. Forderungen nach einer Arbeit, in der das Subjekt seine individuellen Fähigkeiten einbringen kann und die „flexibel“ ist bilden die Vorraussetzung dafür, dass Unternehmen eben diese Flexibilität und die subjektiven Potentiale der Beschäftigen nutzen – d. h. verwerten – können. Die Forderung der Beschäftigten wird in eine Forderung der Unternehmen verkehrt, dies auch tatsächlich zu tun – und zwar im Sinne der Unternehmen. Die Gewährung von Freiheiten hinsichtlich Ort, Zeit und, in gewissem Umfang, auch Art der Arbeit geht einher mit steigenden Leistungsanforderungen und einer Kontrolle, die nicht mehr die konkrete Ausführung der Arbeit, sondern ihren Beitrag zum Unternehmensgewinn als Ansatzpunkt wählt. Damit fällt auch eine weitere Grenze: Die zwischen Beschäftigten im Betrieb und dem Markt. Hieraus ergibt ich der permanente Zwang, die eigene Verwertbarkeit unter Beweis zu stellen und dabei alle, einem als Subjekt zugänglichen Ressourcen zu nutzen, einschließlich solcher, die zuvor dem Teil des Lebens zugerechnet wurden, der eben nicht „Arbeit“ ist. Das über den Schreibtischen schwebende Damoklesschwert der Entlassung für den Fall, dass das eigene Unternehmen die erbrachte Leistung auf dem Markt billiger beziehen kann als man sie als Beschäftigter zu erbringen vermag stellt hier hinreichende Motivation sicher. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum die meisten Unternehmen kein Problem mit dem Abgang der Stechuhr, dem Sinnbild schlechthin für die Diktatur der Fabrik, haben, zu Modellen wie der „Vertrauensarbeitszeit“ übergehen und die Anwesenheit gar nicht mehr überprüfen: Die Beschäftigten arbeiten länger und intensiver als vorher; da die zeitliche Mehrarbeit zudem freiwillig erfolgt, gilt sie auch nicht als teure Überstunde. Betriebliche Herrschaft wird hier gerade nicht mehr durch die Beschneidung von Autonomie der Beschäftigen erreicht, vielmehr kommt Herrschaft durch Autonomie zum Tragen. Die Lösung des grundlegenden Problems eines jeden Managements – das Arbeitsvermögen der Lohnarbeiter in tatsächliche Arbeit umzuwandeln – wird in die Köpfe der Beschäftigen selbst verlagert. Und wer wüsste nicht besser, wo noch brachliegende, verwertbare Potentiale der Arbeitskräfte schlummern, wenn nicht sie selbst?

Same old story

Nüchtern betrachtet darf es aber auch nicht verwundern, dass die „neue“ Arbeit im Grunde nur die aufpolierte und beschleunigte Version der „alten“ Arbeit mit Stechuhr, Fließband und Fabrikschlot ist. Unter kapitalistischen Bedingungen ist Lohnarbeit dazu da, Wert zu schaffen, genauer gesagt: Mehr-Wert. Die Bedingungen und die Art, unter denen diese Arbeit verrichtet wird, ändern sich, je nach Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeitern zu Gunsten oder Ungunsten der einen bzw. anderen, ihre grundlegende Bestimmung bleibt jedoch unangetastet. Wirklich neu an der „neuen Arbeit“ ist nur die Stufe, die die Übertragung der Verwertungslogik auf die Subjekte selbst erreicht. Was zunächst als Freiheit daherkommt, auch am Wochenende nachts von zuhause aus arbeiten zu können, und sich bei Fragen an den alten Studienfreund zu wenden, verwandelt sich in die Forderung, dies auch beständig zu tun und alle verfügbaren Ressourcen in die Waagschale zu werfen, um als wertvolle Arbeitskraft konkurrenzfähig zu bleiben.

Diese neue Stufe der Kolonisierung der Lebenssphäre als solche zu erkennen, ist dabei der erste Schritt, das eigene Leben zurückzuerobern.