15.Januar2010
„Der lachende Hitler neben und in uns“
Seeßlen, Georg: Quentin Tarantino gegen die Nazis
Schlagworte: Kultur // Wahlen 2010
Im vergangenen Jahr kam der neue Tarantino-Film „Inglorious Basterds“ in die Kinos. Nur Monate später folgte ein Büchlein des Filmwissenschaftlers Georg Seeßlen, das „alles über“ ihn verspricht. Der Verfasser vertritt auch eine These, die anscheinend selbstverständlicher nicht sein könnte: „Quentin Tarantino gegen die Nazis“.
Wer Hintergrunddetails – besonders zu Zitaten aus der Filmgeschichte – erfahren möchte, ist mit dem notorischen Quellensammler Seeßlen gut beraten. Mit kaum verdeckter Begeisterung über „Mr. Tarantino“ schildert er die stilprägenden Entlehnungen aus dem Genrekino: den dirty war movies Hollywoods, dem Italo-Trash der 70er und 80er über „La Grande Guerra“ und Enzo Castellaris „Inglorious Bastards“ (I 1978). Gerade diese Rückgriffe hätten ihm seinen in der Darstellung der Nazis umwälzenden Film ermöglicht, „an dem das, was Geschichte, Erinnerung, Erzählung und Kino ist, sich neu definieren muss“ (37). Nicht mehr und nicht weniger. In der postfaschistischen Gesellschaft lebe der NS in der Kulturindustrie fort. Tarantino habe nun als erster das vorherrschende Bild der Nazis zwischen moralisierendem Kitsch und dämonisierender Todessehnsucht (beides z. B. in „Der Untergang“, D 2004) durchbrochen. „Es ist eine Rachephantasie, die sich um die historische Realität nicht kümmert, weil für Tarantino sowieso schon immer das Kino die bessere Wirklichkeit war“ (140). Das Kino an sich sei also die bessere Wirklichkeit, mit der magischen Kraft ausgestattet, die sozialen Verhältnisse zu verändern. Diese Erhebung des Films zur Wirklichkeit wird zum teueren Preis der Entwirklichung der Geschichte erkauft. Ist doch etwa der jubilierende Filmschluss, in dem die Führungsriege der Nazis auf einen Schlag niedergemetzelt wird, nichts anderes als eine gelungen in Szene gesetzte Phantasievorstellung, die nur den wahnhaften, personifizierenden Projektionen des (deutschen) Publikums nach „endlichem“ Aufräumen mit der belastenden Geschichte entspricht. Dass aber Phantasien bedient werden, zeugt gerade von der schlechten Realität, die sie hervorbringt. Geändert ist diese damit noch längst nicht. Tarantino wolle „den Rassismus auf beiden Seiten“ darstellen. „Jede der handelnden Figuren ist ziemlich ähnlich auf der anderen Seite vorstellbar“ (147). Die jeden Unterschied zwischen den Tätern und Opfern verwischende Beliebigkeit findet Ausdruck in der gleichsam theologischen Sprache Seeßlens, die sich unbekümmert auf die Begriffe des „absolut Bösen“ respektive „Guten“ einlässt. Ihr kann es nur noch um einen Einheitsbrei gehen, das Nebeneinander von Gut und Böse, das der Verfasser „uns“ allen eilig einpflanzt, um die Absolution für die kollektiv erfahrene Ohnmacht vor der schlechten Gesellschaft sich selbst wie uns „allen“ zu erteilen. „Dass sich die Rollen umgekehrt haben, ist natürlich irgendwie ‚gerecht’. Aber wie sollten wir bei unserer Freude darüber nicht daran denken, dass wir uns gerade genauso verhalten wie Minuten zuvor die Nazis? Und lacht da ein Hitler neben uns, in uns, mit, wenn Nazis abgeknallt werden, so wie vorher GIs abgeknallt wurden?“ (142). Nein, es lacht kein Hitler neben und in „uns“. Zwischen der Erfreuung an einer infantilen Wunschvorstellung von niedergebrannter Naziführung und einer wirklichen Vernichtung der Millionen von Juden und anderen liegen Welten – auf die Aufrechterhaltung des Unterschieds sollte es ankommen. Wäre dem nicht so, müssten auch die Juden tatsächlich Rache geübt haben, die es aber nie gegeben hat: Niemand ist in einen Vernichtungskrieg gegen Deutschland gezogen, niemand hat Millionen von Deutschen vergast. Den Unterschied zwischen dem erzwungenen Befreiungskrieg der Alliierten und dem eliminatorischen Krieg der Nazis kann nur nivellieren, wer längst den Begriff individueller Verantwortung verabschiedet hat. Für ihn sind alle menschliche Wesen gleich: irgendwie gut und böse zugleich, „Bastarde“ eben. „Die historische Wahrheit zum Nationalsozialismus scheint zu sein, dass die Menschen allein nicht mit ihm fertig wurden“ (146). Dass die Alliierten den Widerstand gegen die Nazis gewollt haben müssten, gehört heruntergespielt, soll die Interpretation sitzen. Auch die „sauberen“ und „unsauberen“ Kriegsfilme Hollywoods mögen oft nichts als Ästhetisierung der Politik und des Krieges sein und diesen als einen verselbständigten Zusammenhang („Maschine“) darstellen, in dem das Individuum nur aufgehen, nicht aber sich retten kann. Mehr als ein Auge muss jedoch zugedrückt sein, um zugleich Filme wie „Apocalypse Now“ (USA 1979) u. a., in denen sich die Verzweiflung angesichts der Auslöschung des menschlichen Ichs vor dem Monstrum Krieg zeigt, wiederum ganz aus der Rechnung zu streichen. In Nazi-Deutschland wären sie unvorstellbar; im postfaschistischen unwirklich. Seeßlen gelangt ungewollt zu einer Geschichtsphilosophie mit Endzeitstimmung, für die der postfaschistisch zersetzte Lauf der Dinge nichts mehr aufhalten kann. Daher kann es in ihren Filmen auch keine „Guten“ mehr geben. „Nur Gedanke an Rache hält sie (die Opfer) am Leben“ (ebd.). Kaum glaubhaft zugleich, die Motivation der Protagonisten Tarantinos sei als nichts anderes als Rachsucht zu deuten; nicht aus Zufall wird selbst in seinem phantastischen Film nicht Gleiches mit Gleichem vergolten, kein Holocaust mit Holocaust, weil diese monströse Rechnung nie aufgehen könnte. Ob die Sujetwendung, wonach Filmvorführerin Shosanna und ihr Liebhaber ihren Tod im verbrennenden Kino eigenhändig mitvorbereiten, nicht einfach einer der zahlreichen Hommages geschuldet ist, diesmal an den französischen Widerstandsfilm, sei dahingestellt. Ebenfalls, ob es schlichte Rache ist, dem Nazi Landa, statt ihn umzubringen, ein Hakenkreuz auf die Stirn zu ritzen, damit der Gebrandmarkte in seinem künftigen Leben in den USA zum lebendigen Zeichen der Legitimität ihrer Gesellschaftsordnung werden kann. Zum Schluss wird nicht eben einfach brutal gerächt, sondern zugleich auch die moralische Überlegenheit dieser Ordnung, die auf der Ebene der Zuschauer repräseniert ist, demonstriert – darin ist Tarantino ganz dem Lauf der Weltgeschichte treu, keine Spur von „Umschreiben“. Er reitet auf den Wellen des welthistorischen Erfolgs der Alliierten. Kein amerikanischer Traum ist verloren – wie Seeßlen das schreibt. Vielmehr kann er sich, als Akteur der Kinoindustrie des heute hegemonial stärksten Staats, nun auch den Witz leisten, den vernichteten nationalsozialistischen Feind in einem projektiven Rausch auf der Leinwand, frei von allen Verbeugungen vor wirklicher Geschichte, auslöschen zu lassen. „Who cares?“, könnte man fragen, wenn es nicht so wäre, dass Tarantino hier mit der Trivialisierung der Nazis zugleich auch die schlechte Gesellschaft von heute trivialisiert. Diese hat sich gegenüber dem NS als siegreich durchgesetzt und ist unbestritten auch die bessere Gesellschaft, aber damit noch keine gute.
Seeßlen, Georg: Quentin Tarantino gegen die Nazis: Alles über Inglourious Basterds, Bertz + Fischer 2009. 9,90 Euro
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