Linke Liste

an der Ruhr-Universität Bochum

»Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.«

B. Brecht

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9.Januar2002

Die Chemie muß stimmen

Was läuft schief in NC?

Schlagworte: Fachbereiche // Wahlen 1998

Der Streik in NC fiel natürlich bescheidener aus als in den meisten anderen Gebäuden. Aber eine Reihe Aktionen konnte sich sehen lassen, und viele DozentInnen zeigten sich solidarisch. Nun sind wir sicher nicht unkritischer als Studis anderer Gebäude, aber der Leistungsdruck in NC ist schlicht ein anderer und Praktika zu bestreiken nur begrenzt möglich.


Vorgaben aus Düsseldorf zur Senkung von Studienaufwandszeiten und Stoffmenge (z.B. Eckdatenverordnung) wurden in NC kaum umgesetzt - wir alle kennen z.B. die Grundkursübungen, die offiziell nicht zum Studienstoff gehören, deren Besuch aber trotzdem faktisch unvermeidbar ist. Die stundenplanartige Abstimmung vieler Lehrveranstaltungen bringt zwar für die meisten Zeitgewinn, erschwert aber die Organisation anderer Aktivitäten wie z.B. Protest (LehramtsstudentInnen und Leute, die nebenbei arbeiten müssen oder durch vergeigte Prüfungen aus dem Plan rausfallen, haben durch die stundenplanartige Organisation im Grundstudium viele Nachteile).

Da für uns Jobben neben dem Studium schwieriger ist, treffen drohende Studiengebühren und die ständige Bafög-Kürzung per Inflation, steigende StudentInnenzahlen und Verschärfungen NC-Studis besonders hart. Die Ausstattung z.B. vieler Praktika spottet jeder Beschreibung. Aber die übervollen Hörsäle und Praktika, gegen die in den G-Gebäuden protestiert wurde, gibt es bei uns schon seit vielen Jahren nicht mehr und steht uns erst dann wieder bevor, wenn das Land geplante Fakultätsschließungen durchführt. Jährlich schreiben sich weniger StudentInnen für Chemie ein und um die Streichung entsprechender Prof-Stellen sind wir meist herumgekommen. Ein Grund liegt auf der Hand: Über 5000 promovierte ChemikerInnen tummeln sich bereits bei den Arbeitsämtern. 80 000 Arbeitsplätze wurden allein bei BASF, Bayer und Höchst abgebaut (deren Gewinne jetzt neue Rekordmarken erreichen). Insbesondere über ihre Einflußmöglichkeiten via Drittmittel hat die deutsche Industrie mit geringen eigenen Kosten viele Entwicklungsprojekte auf die öffentlich finanzierten Hochschulen verlagert und zehntausende Arbeitsplätze in den eigenen Forschungsabteilungen vernichtet. Die wenigen Neueinstellungen in der Industrie sind fast ausschließlich Promovierte, obwohl die Industrie gleichzeitig selbst beklagt, der Doktortitel bringe kaum zusätzliche Qualifikation und verlängere das Studium unnötig.

Schlechte Jobchancen gibt es in den Geisteswissenschaften schon länger - und trotzdem explodieren dort die StudentInnenzahlen. Was ein Indiz ist, daß unser Studiengang zu unattraktiv ist. Auch allein der Jobperspektive wegen ist unverständlich, warum die Kombination des (Bio-) Chemiestudiums mit etlichen anderen Fächern (z.B. Sprachen, Sozial- bzw. Wirtschaftswissenschaften, Jura usw.) uns so schwer gemacht wird bzw. kaum Angebote existieren. Oder warum der Umweltbereich bei uns fast keine Rolle spielt. Nicht ein Prof arbeitet schwerpunktmäßig zu Umweltthemen. Das höchste der Gefühle im Grundstudium ist ein Reaktionsmechanismus zur Ozonspaltung und früher 15 Minuten in der Einführungswoche, um uns zu beweisen, daß die Chemieindustrie in Sachen Umweltschutz eh schon eher zu viel tue. Etwas mehr Kritik fänden wir im Studium ganz angebracht, schließlich erhebt die Universität ja den Anspruch, mit der Ausbildung einige von uns an wichtige Entscheidungsstellen der Gesellschaft zu bringen. Warum also nicht nur die Nernst-Gleichung lernen, sondern auch kritisisch thematisieren, daß Walter Nernst mit dem Flammenwerfer eine der grausamsten Waffen des 1. Weltkriegs einsatzfähig machte? Oder der nationalistische Fanatiker Fritz Haber (der vom Haber-Bosch-Verfahren) massiv für den Einsatz und die Entwicklung von Giftgas kämpfte? Warum kommt im Chemiestudium nicht vor, wie die ausgebildeten Chemiker im IG-Farben-Vorstand die NSDAP unterstützten und den Angriffskrieg vorbereiteten wie auch das Zyklon B produzierten? Daß der Konzern ein Werk in Auschwitz baute zur Vernichtung der Häftlinge durch Arbeit und konzerneigene KZs betrieb? Was deutsche Chemiekonzerne z.B. in Lateinamerika mit hier verbotenen Stoffen und fehlenden Sicherheitsbestimmungen anrichten, fehlt in unserer Ausbildung. Stattdessen, ließe sich polemisch formulieren, fördern viele Praktika die Einstellung “Meßergebnisse sollte man heimlich nachbessern” oder “Abfälle kippt man schnell weg, wenn keiner hinguckt, denn für’s Entsorgen fehlt die Zeit”.

Um daran was zu ändern, reicht es nicht, die Linke Liste zu wählen. Schließlich geht es bei den anstehenden Wahlen um den uniweiten AStA, die Vertretung aller StudentInnen. Aber die nächste Studierendenvertretung soll unserer Meinung nach alles andere als losgelöst von den Problemen der Fachbereiche sein. Wir Kandidatinnen von der Linken Liste im NC-Bereich wollen deshalb ein paar Diskussionen anstoßen und ein bißchen stärker ins Gespräch kommen über das, was uns hier in der Chemie und Biochemie betrifft. Dazu sind wir in den nächsten Tagen an unserem Infotisch in der Cafete ansprechbar und wir hoffen, vielleicht so etwas wie einen NC-Arbeitstkreis auf die Beine gestellt zu bekommen. Dafür müßt Ihr Euch beteiligen - und z.B. am Infotisch vorbeischauen oder bei einem Treffen der Linken Liste, je Dienstags 18 Uhr vor GC 04 / 150.