Linke Liste

an der Ruhr-Universität Bochum

»Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.«

B. Brecht

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21.Januar2008

Eine B.D. à la B.B.?

Eine Rezension von Persepolis


Bébé — so nennen die Franzosen liebevoll Bertolt Brecht. Viel von seiner Verfremdungstechnik ist auch in die Bédé (bande desinée) oder in den Comic der iranischen Künstlerin Marjane Satrapi eingegangen. „Persepolis“ ist ursprünglich als eine Serie von Comicbüchern über ihr Leben als exilierte Iranerin in Wien und Paris entstanden. Im vergangen Jahr landete Satrapi mit der Filmversion (zusammen mit Vincent Paronnaud) einen Hit.

PersepolisDas klar aufgetragene Schwarz-Weiß, die Zweidimensionalität der Figuren und die kindhafte Vereinfachung im Zeichnungsstil, inspiriert von Spiegelmans „Maus“, ergeben in „Persepolis“ einen besonderen Effekt. Obwohl oder vielleicht gerade weil es beim autobiografischen Rückblick auf die schwierigen Kindheits- und Jugendjahre Satrapis im Iran um „ernsthafte“ Themen gehen soll, wird der Zuschauer in eine infantile Position versetzt. Der Animationsfilm will nicht nur komplizierte und sehr strittige Gesichtspunkte rund um Iran zeigen, sondern sie dem Zuschauer selbst wie einem Kind spielerisch, vermittelst ihrer Einflechtung in die persönliche Geschichte eines kleinen Mädchens mit ihren Träumen und Ängsten, erklären.

Marjane lebt als einzige Tochter einer bürgerlichen Familie sozialistischer Revolutionäre in Teheran. Schlag auf Schlag muss sie erfahren, wie mit der islamischen Revolution ihre und die Freiheit ihrer Familienmitglieder beschnitten wird. Sie möchte Jeans tragen und Iron Maiden hören. Stattdessen müssen ein Kopftuch her und die Indoktrinationen in der islamischen Schule befolgt werden. Als die Repressionen und die Folter gegen die Regimegegner im Iran zunehmen, entscheiden sich die Eltern, die 14-Jährige nach Europa zu schicken. Marjane verabschiedet sich auch von der geliebten Großmutter, die als ihr Alter Ego fungiert und sie — in den dafür eigens hervorgehobenen Farbsequenzen — vor der Abreise ins ferne Land zur unbedingten Treue mit sich selbst auff ordert.

Danach entwickelt sich die Story einigermaßen klischeehaft. In Wien angekommen, muss Marjane sich als Außenseiterin erneut mit der klerikalen Fürsorge auseinandersetzen. Sie landet im katholischen Heim. Lange dauert’s nicht: Sie lernt einen Freund kennen, bricht aus, dieser bricht mit ihr und sie flaniert allein und verlassen durch die unfreundliche Gegend, während ihr die Briefe ihres Cousins über die Greuel des Iran-Irak-Krieges berichten. Sie lernt coole Punks kennen, geht in Diskos und fängt an zu rauchen. Doch lang hält sie in der Fremde nicht durch. Ihr Eltern fordern sie per Telefon auf, heimzufahren. Marji, inzwischen Erwachsene, kehrt in den Iran zurück.

An dieser Stelle nähert sich „Persepolis“ — ein zwiespältig-romantischer Verweis auf die historische Residenzstadt Persiens — zeitlich am nächsten dem gegenwärtigen Iran. Die Partys von Marjanes Freunden und ihr Alkoholkonsum in den Privatwohnungen werden durch die Geheimpolizei verfolgt. Der Mann, den sie kennen lernt und heiratet, ist ihr gegenüber am Ende gleichgültig. Auf den Straßen werden die Frauen ebenfalls von fremden Männern oder den Offizierendes Staats dominiert und wie Dinge herumgeschoben. Die Figur Marjanes will kein Opfer sein. Sie lehnt sich gegen ihren Mann auf, verlässt ihn, und muss wieder zurück nach Europa, weil sie für sich — eine geschiedene und vom politischen System endgültig entfremdete Frau — im Iran keine Zukunft sieht.

Der Film ist zu einfach, zu richtig. Hier der säkularisierte Individualismus („eigenen Träumen treu bleiben“), dort die religiöse Vereinheitlichung und autoritäre Herrschaft: blind und monoton die Hand auf die Brust schlagend den Namen Gottes mit den Schulmädchen herunterbeten. Er ist sympathische und kindisch-spielerisch zugleich. Aber womöglich umgeht er in seinem Kindisch-Sein genau jene Aspekte, die seine Repräsentation des Iran nur politisch korrekt, nicht aber treffend sein lassen. In Europa ist der Film auch deshalb so erfolgreich, weil er in der Form einer klassischen Erfolgsstory daherkommt: Fremdes und verfolgtes Opfer-Mädchen erhebt ihre Stimme, wird selbstbestimmt aktiv und setzt ihre Wünsche gegen die repressiven Verhältnisse durch, auch wenn sie dafür als Strafe ihr Land verlassen muss — wobei sie im Iran lediglich die zweifelsohne vorhandene Einschränkung und die Aufhebung der Menschenrechte moniert. Die heutige Ausrichtung des iranischen Staates auf die Vernichtung Israels, die eine Parallele zur deutschen Vergangenheit aufzeigen würde, wird in dem Zeichentrick ausgeblendet. Das Alibi der anderen Zeit, in der die Filmhandlung spielt, erwiese sich als ein falsches, ist doch jede Gegenwart schwanger mit der Zukunft — und somit auch die jüngste Vergangenheit als die Erzeugerin heutiger Gegenwart im Iran dargestellt werden könnte. Eine Technik der Verfremdung kann einfache Technik bleiben, ohne Reflexivität zu erreichen.

PERSEPOLIS (F 2007)
R/B: Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi
mit Chiara Mastroianni, Catherine Deneuve u.a. (Synchronstimmen)