30.Dezember2005
Elite-Uni für alle
Warum es der SPD gar nicht um die Bildung geht
Schlagworte: Hochschulpolitik // Wahlen 2004
Erst eine, dann gleich zehn Eliteunis forderte die SPD jüngst in ihren „Weimarer Leitlinien Innovation“, und griff damit in Zeiten der „Bildungsmisere“ wahlkampftaktisch das Thema Hochschulen auf. Allerdings geschah dies zu einem Zeitpunkt, zu dem zwar alle anderen Parteien mit der offensiven Thematisierung überrumpelt wurden, die Forderung nach Elite-Universitäten aber nicht anders als zynisch bezeichnet werden kann.
Denn gleichzeitig haben zahlreiche Landesregierungen Sparmaßnahmen im Bereich der Hochschulen beschlossen, die die Misere eher verschärfen als ihr entgegen zu wirken. Ob der angedrohten Streichungen befinden sich noch viele Unis im Streik, um gegen Kürzungen und Bildungsabbau zu demonstrieren.
Schaut man sich die Weimarer Leitlinien an, so wird auch schnell deutlich, dass es der SPD nicht um Bildung, sondern vielmehr um Forschung geht. „Wettbewerbsfähigkeit“ des „Standortes Deutschland“, das ist es, worum die SPD sich Sorgen macht. „Spitzenforscherinnen und -forschern“ sollen „mehr Anreize“ geboten werden, „an unseren Universitäten zu bleiben oder zu uns zu kommen“. Deswegen spricht man sich für leistungsorientierte Vergütung aus. Mit der „volksnahen“ Fußballmetapher wird gefordert, dass sich Spitzenhochschulen und Forschungszentren etablieren sollen, die „in der ersten Liga mitspielen und mit internationalen Spitzenhochschulen wie Harvard und Stanford konkurrieren können“. Im Vordergrund stehen die Spitzentechnologie und ihre ökonomische Bedeutung.
Dass die Forderung nach Eliteunis dabei ausgerechnet von der SPD kommt, die in den 60er Jahren noch die große Vorreiterin der Massenuniversität war, ist nur die Spitze des Eisberges. Alle Erkenntnisse darüber, wie Elitenbildung und sozialer Status zusammenhängen, werden über Bord geschmissen mit der lapidaren Behauptung, dies würde man entsprechend durch Stipendienförderung ausgleichen wollen. Doch wenn schon Harvard als Maßstab dient, dann auch bitte richtig: 90 Prozent der dortigen Studierenden stammen aus überdurchschnittlich gut verdienenden Elternhäusern. Dieses Beispiel zeigt, dass Elite eben nichts mit Chancengleichheit und der behaupteten Förderung der „Besten“, sondern der Reichsten zu tun hat. Und die Stipendienförderung beinhaltet noch einen weiteren Aspekt, der in der Debatte bisher übersehen wurde: Stipendien brauchen nur die, die sich Studiengebühren nicht leisten können. Durch die Hintertüte kommen somit die Studiengebühren hinein, die angeblich beim Thema Elite-Unis gar nicht angeklopft hatten. War nicht letztens noch die Rede davon, an der allgemeinen Studiengebührenfreiheit festzuhalten? Und was ist mit der Chancengleichheit, die sich die SPD auch gerne auf die Fahnen geschrieben hat?
Aber davon mal ganz abgesehen, sind die Anlässe für die konstatierte „Bildungsmisere“ unterdurchschnittliche StudienanfängerInnenzahlen, schlechte AbsolventInnenquoten und überdurchschnittlich viele StudienabrecherInnen (die aufgrund der in vielen Bundesländern eingeführten Studiengebühren auch nicht weiter verwundern dürften). Damit ist die Rede von Zahlen, die nicht genehm sind, die aber nur sehr bedingt etwas über die Qualität der Bildung aussagen. Im Vordergrund steht die Quantität: Der Output muss erhöht werden, um konkurrenzfähig zu sein. Dass Bildung jedoch nicht nach marktwirtschaftlichen Kriterien bewertet werden kann, ist ein alter Hut. Doch wenn es die oben genannten schlechten Zahlen sind, die das Problem ausmachen, wie sollen Elite-Hochschulen das Problem dann lösen? Dadurch werden die StudienanfängerInnen nicht mehr, und der „Bodensatz“ der Hochschulen wird mit Sicherheit auch keine besseren Ergebnisse erzielen. Die Qualität würde nur für einige wenige gelten, nämlich die, die zur „Elite“ gehören.
Was steckt also hinter der Forderung nach Elite-Hochschulen? Bildung wird damit einmal mehr auf die Zurichtung der Studierenden für das kapitalistische System reduziert, Chancengleichheit über Bord geworfen und kein einziges Problem gelöst. Damit reiht sich der Quatsch, den die SPD nun wieder ausgedacht hat, nahtlos in die Studiengebühren- und die Bildungsprivatisierungsdebatte ein - der Neoliberalismus lässt grüßen. Bildung liegt in der Verantwortung der Einzelnen: Wenn die Studis nicht schnell und effektiv genug studieren und für den Markt verwertbar werden, dann muss man das Pferd eben von hinten aufzäumen. Leistung soll für mehr Effizienz sorgen. Dass dabei die Argumentation mit der „Innovation“ nichts anderes als Standortdenken ist, ist geschenkt. Und das bestimmt nicht die Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen gemeint sind, ebenfalls. Anstatt also die bestehenden Probleme zu thematisieren, macht die SPD eine neues Feld auf. Die Ideen, die sie zu bieten hat, führen jedoch dazu, dass Bildung in erster Linie über Marktimpulse gesteuert werden soll. Was auf der Strecke bleibt, ist ein umfassender Bildungsanspruch, der über die reine Verwertbarkeit der AbsolventInnen für den Markt hinaus geht. Besser wäre es, anstatt darüber zu lamentieren, was wäre, wenn es in Deutschland Elite-Hochschulen gäbe, sich mit den bestehenden Defiziten auseinander zu setzen und die Situtation an den bereits existenten Unis zu verbessern. Deswegen: Elite-Uni für alle!
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