21.Dezember2005
Ficken
Nr. 12
Schlagworte: Gender
* Seit dem 16. Jh. ist für das in den Mundarten überall verbreitete Verb auch die Bedeutung ’miteinander schlafen’ nachzuweisen, die im gesamten dt. Sprachgebiet üblich wird. Diese metaphorische Verwendungsweise, die auf Grund der Ausgangsbedeutung wohl von Anfang an anstößig gemeint ist, macht ficken im Nhd. zu einem äußerst derben Ausdruck mit nur geringer literarischer Bezeugung.
Obwohl die praktische Lösung der zahlreichen (teils peinlichen) Probleme im Zusammenhang von Sexualität und Liebe erst nach der sozialistischen Weltrevolution erwartet wird, gibt es gute Gründe, sich bereits jetzt mit Fickformen und den sie verschleiernden Beziehungsstrukturen auseinanderzusetzen, nämlich:
1. Gute Unterhaltung
2. Revolution Wie Klowände, unzählige Trash-Talkshows, Bravo, Kontaktanzeigen, das Grundgesetz, der notorische Gebrauch der Wörter "Ficken", "verfickt", "Möse", "Schwanz" und sowas doch recht deutlich machen, gibt es einen immensen Drang zum Ausdruck sexueller Frustration in allen Lebensbereichen. Dies zeigt einerseits, dass die sexuelle Repression ein reales Hindernis für ein angenehmes Leben ist, andererseits, dass ständig hilflose Lösungsversuche unternommen werden, die einfach gar nichts bringen (abgesehen vom Beweis der Existenz sexueller Repression) und haufenweise Zeit und Kraft verschwenden. So besteht augenscheinlich ein sowohl persönlicher als auch historischer Lösungsbedarf für diese Problematik.
Schon bei rein oberflächlicher Betrachtung der Beziehungsformen und ihrer Widersprüche in Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen wird offensichtlich, dass hierin ein Beweis für die zerstörerische Tendenz des Kapitalismus liegt. Um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse in die expandierende Warenform zu zwängen, müssen die religiösen und sonstigen moralischen Traditionen zur Unterdrückung der Sexualität zwar beseitigt werden, andererseits kann und darf das Kapital es freilich nicht soweit kommen lassen, dass "die Verhältnisse [...] den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen" (Marx). Stattdessen ist es sehr erfolgreich, darin profitable Verwirrung zu stiften.
3. Persönliche Genugtuung Die herrschenden Beziehungsformen und ihre Ideologie stellen eine Beleidigung kritischen Intellekts und einen Affront gegen jeden vernunftbegabten Menschen dar. Also: Auch wenn es schwerfällt, die liebgewonnenen repressiven, allgemein vorherrschenden Beziehungsstrukturen in die Tonne zu kloppen, ist es dennoch sinnvoll, die Verhältnisse dieser Gesellschaft aus einer ’utopischen’, über das System hinwegweisenden Perspektive zu betrachten und letztendlich auch danach zu handeln.
RSS