21.Januar2008
Ideologien im nachideologischen Zeitalter
Schlagworte: Kritische Wissenschaft // Wahlen 2008
Mit der Postmoderne etablierte sich in den letzten drei Jahrzehnten ein Diskurs, der mit der Kritik an den „großen Meta-Erzählungen“ (Lyotard) auch das Ende der Ideologie proklamierte. Dem entgegnete u.a. Terry Eagleton, dass der Postmodernismus aufgrund seines konzentrierten Blicks aufs Partikulare und Irreduzible stets Gefahr laufe, die Schwelle zur Verklärung einer naturwüchsig sich regulierenden Ungleichheitsstruktur zu überschreiten. Damit stehen sich zwei Zeitdiagnosen gegenüber: Entweder zeichnet sich am Horizont das Ende der Ideologie ab, oder es gibt keine ideologischere Annahme als diejenige, den ideologischen Ballast endlich abgeworfen zu haben. Grund genug zu hinterfragen, was unter Ideologie zu verstehen und wie zeitgemäß Ideologiekritik heute noch ist. Mit „Ideologie“ werden zumeist die Priestertrugstheorien der frühbürgerlichen Aufklärung und des Traditionsmarxismus assoziiert: Ideologien seien auf die Manipulationsleistungen der die gesellschaftlichen Verhältnisse durchschauenden und ihre materiellen Interessen verfolgenden Herrschenden zurückzuführen. Als charakteristisch für das traditionsmarxistische Ideologieverständnis können die zahlreichen Abhandlungen von Bertolt Brecht über die Funktion der Intellektuellen gelten. Ein Beispiel aus Me-ti/ Buch der Wendungen:
„Der Schrift steller Fe-Hu-Wang sagte zu Me-ti: Die mit dem Kopf arbeiten, stehen eurem Kampf abseits. Die klügsten Köpfe halten eure Ansichten für falsch. Me-ti antwortete: Die klugen Köpfe können sehr töricht verwendet werden, sowohl von den Machthabern als auch von ihren Eigentümern selbst. Gerade um die allerdümmsten und unhaltbarsten Behauptungen oder Einrichtungen zu stützen, mietet man kluge Köpfe. Die klügsten Köpfe bemühen sich nicht um die Erkenntnis der Wahrheit, sondern um die Erkenntnis, wie Vorteile zu erlangen sind durch die Unwahrheit. Sie streben nicht nach dem Beifall ihrer selbst sondern dem ihres Bauches.“
Eine personalisierende Manipulationstheorie findet sich auch in den Frühschriften von Karl Marx, wenn er die herrschenden Gedanken mit den Gedanken der Herrschenden identifiziert, weil diese mit der materiellen Macht auch über die Mittel der geistigen Produktion verfügen sollen.
Ideologie als Selbstverrätselung des Sozialen (Marx)
Seit den Feuerbachthesen zeichnet sich bei Marx jedoch ein Verständnis
ab, das Ideologien nicht mehr als interessierte Manipulationsversuche,
sondern als strukturell verankerte Verfehlungen der realen Seinsweise
kapitalistischer Vergesellschaft ung begreift. Was bedeutet das genau?
Kritische Wissenschaft zeichnet sich nach Marx dadurch aus, dass sie die
ökonomisch-sozialen Formen, die sich gegenüber den Menschen verselbständigt haben — also Ware, Geld, Kapital, Recht und Staat — als
Ausdruck menschlicher Beziehungen begreift , die anders aussehen könnten und sollten. In „Das Kapital“ zeigt er zudem, dass die den Menschen vorausgesetzte und ihr Handeln strukturierende bürgerliche Gesellschaft in der Alltagsideologie als eine natürliche und daher unabänderliche Vorgabe erscheint. Eine „Ideologie“ ist demzufolge ein notwendig falsches Bewusstsein, das seine Grundlage in Verhältnissen hat, die die Menschen kontrollieren, anstatt von den Menschen kontrolliert zu werden. Marx argumentiert also folgendermaßen: Da das vereinzelte bürgerliche Subjekt nicht Teil einer Gemeinschaft von Freien und Gleichen ist, die in Übereinkunft bewusst ihr Leben organisieren,
sondern es der Gesellschaft und damit auch die Gesellschaft (in Form
von Ware, Geld und Kapital) ihm als ein äußerliches gegenübertritt, kann
es den status quo nicht als sein eigenes und daher veränderbares Produkt begreifen.
Ideologie und autoritäer Charakter (Frankfurter Schule)
Ein an diese soziale Verkehrung von Subjekt und Objekt anschließende Erklärung für das Ausbleiben einer emanzipierten Gesellschaft lieferte die sog. Frankfurter Schule mit ihre „analytischen Sozialpsychologie“, die kritisch an Freud anknüpfte: Das weitgehend auf sich gestellte Individuum wird durch den gnadenlosen Konkurrenzzusammenhang zu einer übermäßigen narzisstischen Besetzung der eigenen Person genötigt und erleidet zugleich, aufgrund seiner realen Ohnmacht, eine permanente narzisstische Kränkung. Die kapitalistische Produktionsweise individuiert also die Menschen und befreit sie von persönlicher Abhängigkeit, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, ein Leben frei von Existenzängsten in Solidarität und Selbstbestimmung zu führen. Resultat ist ein (letztendlich erfolgloser) Fluchtversuch vor Isolation und Ohnmacht in die Unterordnung unter eine Schutz wie Macht versprechende Autorität.
Der ideologiekritische Impuls, die vom Alltagsverstand als natürlich interpretierten Gegebenheiten als sozial generierte zu dechiffrieren, zeigt sich auch in Pierre Bourdieus Analyse habitualisierter Verhaltensweisen, die gerade darauf beruhen, dass ein Bewusstsein ihrer sozialen Aneignung nicht existiert und sie deshalb als natürliche Dispositionen der Akteure erscheinen. An brauchbaren ideologietheoretischen Instrumenten mangelt es demnach nicht – an zu kritisierenden Ideologien noch viel weniger.
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