15.Januar2010
Intersektionalität
Ein Forschungsprogramm wird vorgestellt
Schlagworte: Gender // Grund- und Freiheitsrechte // Wahlen 2010
Im vergangenen Dezember fand - unterstützt durch die Linke Liste - zum ersten Mal die Vortragsreihe Geschlecht und Gesellschaft statt: Unter anderem wurde der intersektionale Ansatz vorgestellt, der in der Geschlechter-Forschung und darüber hinaus vielfach diskutiert wird.
Anfang der 90er Jahre sorgte Judith Butler mit ihrer These des performativen Geschlechts in ihrem Buch „Gendertrouble“ für reichlich Diskussionsstoff innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung. Die Frau – also die Grundlage feministischer Forschung – wurde als theoretisches und politisches Subjekt radikal in Frage gestellt. Statt über das gesellschaftliche Herrschaftsverhältnis des Patriarchats hinauszuweisen, würde durch den Bezug auf das weibliche Geschlecht die Zweigeschlechtlichkeit und, damit einhergehend, die heterosexuelle Norm reproduziert und weiter als Herrschaftsverhältnis manifestiert. Während ein Teil der FeministInnen Butlers Ansatz als Befreiung des Denkens ansahen, war es für andere, als würde der feministischen Forschung der Boden unter den Füßen weggezogen. Für wen und mit wem sollte man Politik und Theoriearbeit betreiben, wenn es gar keine Frauen (mehr) gibt? Die Diskussionen waren so heftig, so dass einige WissenschaftlerInnen zu dem Schluss kamen, dass sich im wissenschaftlichen Diskurs über Frauen einige Positionen so antithetisch verhalten, dass sie unter keinen Umständen miteinander vermittelbar sind. Mittlerweile haben sich die Wogen etwas geglättet, nicht zuletzt wegen des sogenannten intersektionalen Ansatzes, der seit einigen Jahren auch in Deutschland vermehrt Anklang findet. Doch was ist dran an einer Theorie der Intersektionalität? Was wird darunter verstanden und was ist das Neue? Der intersektionale Ansatz geht davon aus, dass es notwendig ist, sich bei der Untersuchung von Ungleichheit nicht nur auf eine Kategorie (zum Beispiel Geschlecht) zu beziehen, sondern mehrere Kategorien gemeinsam zu betrachten, da die Ursachen von Ungleichheit und Unterdrückung nicht auf einen Faktor zu reduzieren sind und ihre Wechselwirkung betrachtet werden müssen. Zudem ist es offensichtlich, dass die Ursachen nicht problemlos aufgerechnet werden können, sondern dass sie ineinander verwoben sind und sich eben nicht nur gegenseitig verstärken, sondern auch abschwächen und verändern können. Frauen werden beispielsweise nicht stets aus den gleichen Gründen und auf die gleiche Weise ungleich behandelt, es gibt immer mehrere Gründe für eine unterschiedliche Behandlung, deren Zusammenhang betrachtet werden muss. So ist beispielsweise naheliegend, dass Frauen mit Migrationshintergrund in Deutschland oft mit anderen Benachteiligungen zu kämpfen haben als Frauen, die „einfach nur“ Frauen sind. Andersherum sind Männer nicht zwangsläufig gesellschaftliche Gewinner, einfach weil sie „Männer“ sind. Sie können ebenso von erheblichen Benachteiligungen betroffen sein – etwa wenn sie von Hartz IV leben müssen! Der intersektionale Ansatz bietet die Möglichkeit, das Zusammenwirken unterschiedlicher Kategorien zu beobachten und zu analysieren, um so dabei zu helfen, eine (politische) Praxis und die Zusammenarbeit einzelner bei einer Kategorie ansetzender Gruppen zu ermöglichen. Es drängt sich dabei jedoch die Frage auf, warum trotz emanzipatorischer Forderungen nach Auflösung von Kategorien (wie bei Butler) weiter eben diese Kategorien genutzt werden. Als Antwort kann auf die Prägekraft sozialer Strukturen verwiesen werden. Zwar ist es wichtig, sich gegen Kategorien als „natürliches Ordnungsmittel“ abzugrenzen, allerdings ist ihre soziale Wirkungsmacht nicht zu unterschätzen. Es ist leider nicht zu leugnen, dass die Annahme prinzipieller Unterschiede auf Grund von Herkunft, Geschlecht o. ä. weiterhin weit verbreitet ist und strukturell nachteilige Ungleichbehandlungen hervorruft. Trotz ihrer Unbeweglichkeit können Kategorien dabei helfen, die Wirklichkeit zu erfassen und (vereinfacht) zu beschreiben. Um zu dieser Diskussion weiter beizutragen, sind auch für das Sommersemester Veranstaltungen geplant und im Dezember wird es zu einer weiteren Vortragsreihe kommen.
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