18.Januar2011
Katharsis in der Einöde
Nagels zweiter Roman sucht die Welt im Dorf
Schlagworte: Kultur // Wahlen 2011
Was soll man eigentlich mit seinem Leben anfangen? Meise, ein endzwanziger Taugenichts, weiß es auch nicht. Seit Jahren schlägt er sich als Barkeeper in Berlin durchs Leben – bis eines Tages sein Vater stirbt und er mit einer 15.000 Euro Erbschaft dasteht. Nach ein paar Monaten Weltreise ist alles auf den Kopf gehauen, Meise wieder in Berlin, aber das mit dem Leben will immer noch nicht klappen. Die Flucht vor sich selbst geht weiter in die Provinz, ins beschauliche Moseltal.
Mit „Was kostet die Welt“ legt Nagel – früher bei Muff Potter für Gesang und Gitarre zuständig, heute bei den Blood Robots für den Bass und bei sich selbst fürs Schreiben – seinen zweiten Roman vor. Meise, den Helden des Stücks, kann man sich als eine bodenständige Version von Herrn Lehmann vorstellen. Einer, der sich auch nicht so recht mit dem Erwachsenwerden anfreunden kann, dem aber die unbekümmerte Beschwingtheit von Sven Regeners Protagonisten fehlt. Einer, der statt einem lustig-knuffigen Elternpaar nur eine biedere Kleinbürgerfamilie vorzuweisen hat, unter deren heiler Oberfläche es immer mächtig gebrodelt hat. Jemand, dem vielleicht seine große Liebe über den Weg gelaufen ist – und dem sie anders als bei Herrn Lehmann nicht davonläuft –, der sie dann aber selbst verstößt, weil er sich einfach nicht mehr darauf einlassen kann. Während Regener letztlich einen sympathischen Schlendrian kreiert hat, der am Ende irgendwie seinen Frieden mit der Welt schließt, bleibt bei Nagel am Ende das Gefühl, dass es eben kein richtiges Leben im falschen gibt. Die Welt als eine Einrichtung, die aus dem Zwang besteht, etwas Anständiges aus sich zu machen, und deren Enge einen erdrückt, weil man dabei immer nett, freundlich und im Zweifelsfall jemand anders sein soll. Als Leben bleibt dabei nur die Summe der schönen Momente, die man den Zumutungen des Alltags abtrotzen kann.
Meises Flucht in die Provinz führt ihn zu Jungwinzer Flo. Den hat er beim Reisen in New York kennengelernt und war sich eigentlich sicher, dass er ihn nie wieder anrufen würde. Flo, selbst jung und irgendwie subkulturell, entpuppt sich trotz seines hippen Tunnelohrrings schnell als Antipode. Kurz nach Studienbeginn aus der Stadt zurück ins elterliche Heim in der Pampa gezogen, seit der Schule mit derselben Freundin zusammen und kurz davor das familieneigene Weingut zu übernehmen, steht er so ziemlich für alles, was Meise nicht sein will. Das heile Dorfidyll – die Welt dessen, der nicht angekommen ist, weil er nämlich schon immer Teil der dörflichen Gemeinschaft war – offenbart jeden Tag mehr Risse. Lügen sich hier alle nur gegenseitig an? Was machen die hier eigentlich in diesem Nirgendwo in Rheinland-Pfalz und wie hält man das hier nur aus? Unter dem Eindruck vereinnahmend-überfreundlicher Eltern, rassistischer Kneipengänger und weißhaariger Touristen rettet sich Meise erst in einen Friseursalon und dann in seine Phantasie. „Einen Abend Wahnsinn gegen tausend Jahre Stumpfsinn“ mit Silvie, der tollen Friseurin, malt er sich gedanklich aus: „Was hältst du davon, wenn wir uns drüben bei Jagd- und Sportwaffen Jung ein paar Schrotflinten besorgen und anschließend einen Wagen klauen? Dann können wir wild ballernd durch die Gegend fahren […] Wenn du magst, überfahren wir ein paar Omis. Jagen die geizigen alten Schachteln durch die Straßen dieser todgeweihten Altstadt“. Doch irgendwann klappt auch das nicht mehr. Nach den Eindrücken des Partyzelts auf dem Dorffest, die Flo mit einem hilflos-ehrlichen „Uns gefällt es hier!“ aufzuwiegen versucht, ist die schwelende Katharsis nicht mehr zu stoppen. Der Versuch, die Bedrohung des Idylls in Höflichkeit zu ersticken („Und warum dreht er sich jetzt um und geht einfach weg statt mir eine zu zimmern?“), scheitert und am Ende bleibt nur Blut, Kotze und die Rückkehr nach Berlin. Woanders ist es auch scheiße? Bestimmt, aber es geht auch noch schlimmer.
„Was kostet die Welt“ ist aber mehr als nur die Abrechnung eines Ex-Münsterländer Provinzpunkers mit dem Dorf. Die Mosel dient nur als Metapher, letztlich geht es um die ausweglose Suche nach den Möglichkeiten des Glücks in der allgemeinen Tristesse. Das ist ernüchternd, schlägt oft fehl, aber was bleibt einem sonst übrig? „Für den Heimatlosen ist Heimweh der Motor für die Flucht nach vorn“ sangen Muff Potter mal. Also, rauf aufs Gas – aber besser in Richtung Stadt.
Nagel: Was kostet die Welt. Heyne. 16,99 Euro. Lesungen mit Nagel gibt‘s am 27. Januar im Kulturzentrum Pelmke in Hagen und am 29. in der Essener Zeche Carl. Am 21. Januar erscheint eine Mischung aus Soundtrack, Lesung und Songs bei audiolith auf Platte und als Download.
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