Linke Liste

an der Ruhr-Universität Bochum

»Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.«

B. Brecht

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16.Januar2006

Killing people’s not my scene

Mit Belle & Sebastian gegen das Böse

Schlagworte: Kultur // Wahlen 2006

Dass Revolutionsromantik auch mal mehr romantisch sein kann als revolutionär, verdeutlichen Belle & Sebastian schon seit Jahren mit jedem neuen Album. Nichtsdestotrotz haben sie sich auch in die CD-Player vieler Linker gespielt, die sonst eher unsanftere Indie- oder Punkklänge vorziehen. Nächsten Monat kommt ihr neues Album "The Life Pursuit" heraus, welches den Erwartungen durchaus gerecht wird.


Belle and Sebastian leben von einer interessanten Mischung aus Text und Musik. Sänger und Gitarrist Stuart Murdoch hatte vor und bei der Bandgründung schon viele Texte der nachfolgenden Alben und EPs geschrieben - was übrigens auch erklärt, warum so viele Lyrics so jugendlich anmuten: Sie sind’s. Die frühen Lyrics sind weiterhin der Haupteinfluss der siebenköpfigen Band, auch wenn unter anderem sowohl Sarah Martin als auch die mittlerweile in anderen Projekten involvierten Isobel Campbell und Stuart David durchaus mit eigenen Songs und Gesang vertreten waren. Mit Erfolg, denn abwechslungsreiche Instrumentierung und lyrische Texte machen jedes B&S-Album zu einem Unikat.

Wicked not to care

Was ist nun so besonders an der Band? Neben ihrem Eigenanspruch ans Lyrische haben sie den Alternative Pop geprägt, idolisiert von sogenannten Indie-Kids weltweit. Die Texte klingen vor allem grundsätzlich freundlich und nahbar, trotz des kritischen Gehalts. Zwar richten Belle & Sebastian ihre Texte nicht explizit als meinungsbildend aus, sind aber sowohl privat als auch durch ihre Texte politisch verortbar. Wurden ihre bzw. Stuarts Abneigung gegen Kriege schon 2000 im Song "I fought in a war" deutlich, verdeutlichen ein paar Zeilen vom neusten Album dies noch einmal. "If you’re going off to war then I wish you well, but don’t be sore if I cheer the other team, killing people’s not my scene, I prefer to give the inhabitants a say before you blow their town away" heißt es in "If you find yourself caught in love". Durch solche Texte vermittelt die Band ganz beiläufig, dass Menschenleben Priorität haben vor Kriegen, Regierungen - und auch Grundsätzen.

Wrapped up in books

Belle & Sebastian sind sicher keine linksradikale Band. Sie versinnbildlichen aber vorbildlich das, was man vielleicht kultur- und gefühlslinks nennen würde: ein diffuses Streben nach einer besseren Welt für alle Menschen mit einer gehörigen Portion von Freiheits- und Selbstverwirklichungswunsch untermauert von einer ganzen Reihe von literarischen wie musikalischen Einflüssen mit ähnlichem Hintergrund. Ihre Literaturnähe kann die Band ebensowenig verleugnen wie ihren nicht allein theoretisch verankerten Sozialismus. Letzterer ist in Großbritannien aber durchaus nicht unüblich. Marx lesen schadet natürlich trotzdem nie, dachte sich wohl auch Stuart Murdoch, als er die Zeilen "the girl just wants to be left alone with Marx and Engels for a while, she is writing in the style of any riot girl" geschrieben hat. Trotzdem, und gerade dafür stehen auch B&S, kann man durchaus einen kritischen Blick auf die Welt haben ohne eine ebenso fundierte Kenntnis des "Kapitals". Der Wechsel von Jeepster zum etwas größeren Indie-Label Rough Trade war überraschend, erinnert aber sehr an eine andere Band, die Rough Trade groß gemacht hat: The Smiths. Die anfängliche Scheu vor der Öffentlichkeit endete auch bei der Band um Morrissey mit einer fast devoten Fangemeinschaft und schließlich mit hohem Bekanntheitsgrad. Schon 1999 überraschten Belle & Sebastian Großbritannien: Sie gewannen den "Best Newcomer"-Preis der Brit Awards, eine für jede Indie-Band völlig unerwartete Entwicklung. Favorisiert war das britische Bro’Sis-Pendant "Steps". Nur zwei B&S-Bandmitglieder waren zugegen und wurden von dem verblüfften Moderatur zum großen Amusement von Band und Fans begrüßt mit "Und wer von euch ist Belle und wer Sebastian?" Übrigens war der Sieg damals wohl eher auf die Gewitztheit der Fangemeinde zurückzuführen, die schon wusste, wie man sich Telefon- und Email-Polling zunutze machen kann. Mittlerweile sind Belle & Sebastian allerdings auch über die Fangemeinde hinaus bekannt und beliebt. Und wie man an ihren Abstimmungserfolgen erkennt: Wahlen verhelfen manchmal eben doch den Guten zum Erfolg.