27.Januar2003
Kostenlos Studieren: Ein Nachruf
Landesregierung NRW führt Studiengebühren ein
Schlagworte: Hochschulpolitik // Studiengebühren // Wahlen 2003
Historisch sind Studiengebühren der Regelfall. Vom Mittelalter bis in die 1970er Jahre war es üblich, dass die Studenten und später auch Studentinnen sog. Hörergelder für die jeweils gehörte Vorlesung entrichteten. Sprösslinge des Adels und des Bürgertums fanden das prima, denn die Abhängigkeit der Professoren und später auch Professorinnen von ihrer Beliebtheit bei den Studis sorgte für erhebliche Toleranz gegenüber Fehlverhalten derselben.
Nach dem zweiten Weltkrieg dann wurden die Gebühren zunehmend zum Klotz am Bein, der die Ausbildung der in größerer Zahl benötigten qualifizierten Arbeitskräfte behinderte. Und es gab auch gesellschaftliche Kräfte, die für dieses Problem eine Lösung bereit hielten: Sozialdemokratie und Gewerkschaften forderten seit längerem „Chancengleichheit“ für Bildungshungrige Menschen, die nicht aus „besserem Hause“sind.
In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts dann, die Sozialdemokratie regierte und ihre Vorstellungen waren vorherrschend, auch in Kreisen der CDU, wurden die HörerInnengelder abgeschafft und die Bezahlung der ProfessorInnen entsprechend erhöht. Und für fast 20 Jahre sprach niemand mehr von Studiengebühren.
Die SPD hat’s gegeben, die SPD hat’s genommen
Die Sozialdemokratie war es denn auch, die maßgeblich an der Wiedereinführung der Gebühren beteiligt war. Unter anderem Ihr Versprechen, den seit Beginn der 90er Jahre immer wieder aufflackernden Debatten um Sinn und Zweck von Gebühren ein Ende durch ein bundesweites Verbot von Gebühren zu bereiten, bewogen Studis zur Wahl von SPD und Grünen und trugen zum Wahlsieg der neuen Mitte bei.
Doch die Zeiten hatten sich geändert, wie man oder frau so schön sagt. Die meisten StudentInnen kamen, Gebührenfreiheit hin oder her, immer noch aus besser verdienenden Kreisen, nicht zuletzt weil die finanzielle Förderung der StudentInnen immer weiter zurückgeschraubt wurde. Und die Hochschulen brauchten dringend Geld, auch ihnen wurden die benötigten Mittel von staatlicher Seite vorenthalten.
Und die Öffnung der Hochschulen hatte das erstrebte Ziel, hochqualifizierte Arbeitskräfte zu produzieren nur bedingt erreicht: Zu viele studierten das gemessen an diesem Ziel falsche, nämlich Geistes- und Gesellschaftswissenschaften und das auch noch viel zu lange. Wozu sich auch beeilen, bei den Jobaussichten für z.B. KunsthistorikerInnen?
Und so mehrten sich denn die Stimmen von ProfesorInnen, die Geld wollten und PolitikerInnen die ihnen keines geben wollten, sowie von ManagerInnen, die mit der „falschen“ Ausbildung ihrer BerufsanfängerInnen haderten. Und alle schielten sie auf die Studis, die doch offensichtlich Geld hatten, oder auch ihre Eltern.
Diese Einschätzung ist natürlich vollkommener Blödsinn, doch statt sozialdemokratischer Vorstellungen waren längst neoliberale vorherrschend geworden und da fiel solcher Blödsinn nicht weiter auf.
Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann
Mit der ideologischen Festlegung der Sozialdemokratie auf die Gebührenfreiheit hatten besagte Stimmen natürlich so ihre Problem. Und es dauerte auch nahezu 10 Jahre, bis die Sozis zum Verrat schritten.
Mittlerweile ist der Verfall der Sozis so weit fortgeschritten, das selbst die parteieigene Krabbelgruppe Gebühren fordert, nachzulesen auf der Homepage des JuSo-Landesverbandes NRW. Eine Agentur, so der verwegene Plan der AmateurpolitikerInnen, soll diejenigen unter Vormundschaft stellen, die die Regelstudienzeit überschritten haben und sie binnen zweier Semester zum Abschluss bringen. Das ist völliger Blödsinn und eine Entmündigung erwachsener Menschen.
Aber damit nicht genug: Wer dieses großzügige Angebot ablehnt, soll bestraft werden, natürlich mit Gebühren. Die tausendfachen Anstrengungen der StudentInnen in NRW und anderen Bundesländern, die Einführung von Gebühren zu verhindern, haben dadurch einen herben Rückschlag erlitten. Denn die JuSo-Mutterpartei denkt natürlich nicht im Traum daran, diesen Plan umzusetzen. Sie wird aber gerne darauf verweisen, dass ihre Jugendabteilung als Vertretung auch betroffener Stuids ihren Gebührenplänen prinzipiell zustimmt – Dankeschön für diesen tollen Plan, ihr Arschlöcher.
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