21.Dezember2005
Kunst
Nr. 20
Schlagworte: Kultur
* Das zu dem unter Können behandelte Verb gebildete Substantiv bedeutet zunächst in enger Anlehnung an das Verb „Wissen, Kenntnis“, auch „Wissenschaft“. Dann wurde das Wort auch im Sinn von „(durch Übung erworbenes) Können, Geschicklichkeit, Fertigkeit“ verwendet. Seit dem 18. Jahrhundert bezieht sich Kunst speziell auf die künstlerische Betätigung des Menschen.
Benjamins Satz, dass jedes Kunstwerk auch zugleich eines der Barbarei sei, enthält eine doppelte Wahrheit: Entweder bildet es die bürgerliche Welt und die ihr immanente Barbarei als die beste aller möglichen Welten ab und erstickt im Happy End alle Gedanken daran, etwas könne doch im Argen liegen. Somit macht es sich zum Komplizen eben dieser Barbarei. Oder aber es versucht, sich mit den Erscheinungen der Gesellschaft, als deren „Antithese" Adorno die Kunst einmal bezeichnete, auseinander zu setzen, weil sie jene in ihrer Entfremdung darstellt und dadurch kritisiert.
Heutige Kunst ist vom Tauschprinzip so sehr in Beschlag genommen, dass sie sich diesem nicht mehr entziehen kann. Entweder das Produkt rechnet sich oder es wird weder technisch noch manuell reproduziert. Somit ist der (post)moderne Kunstbetrieb das, was auch die ihn umgebende Gesellschaft ist: Ein Markt, auf dem nach den Regeln des Tausches jede Ware einen Mehrwert abwerfen muss. Denn mit der Autonomie der Kunst verhält es sich wie mit der der Freiheit der bürgerlichen Individuen. Sie ist mehr real existierender Schein denn real. Die ersten, die versuchten, sich der Indienstnahme durch das Tauschprinzip zu entziehen, waren die DadaistInnen, SurrealistInnen und andere Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts. Mit ihrer Forderung nach einem Praktischwerden der Kunst radikalisierten sie die Kunstautonomie. Das Leben sollte ein von Traditionen befreites Kunstwerk sein. Auch wenn sie „nicht das verheißene abenteuerliche Glück beschieden" (Adorno) haben, so schien durch sie doch die Hoffnung auf eine Veränderung der Kunst und damit der Gesellschaft hindurch. Dass die Werke dieser Bewegungen selber zu Museumsstücken wurden, zu Gegenständen also, gegen die ihr Protest zuallererst sich richtete, ist nicht nur die zynische Rache der bürgerlichen Vernunft, sondern vielmehr auch notwendiges Resultat einer Kulturindustrie, die neben sich nichts mehr gelten lassen kann.
Ob „das ästhetische zur Produktivkraft" werden kann und somit zum „Ende der Kunst durch ihre Verwirklichung" führen mag, wie Herbert Marcuse 1969 noch optimistisch hoffte, ist nicht zuletzt auch eine Frage an die Kunstschaffenden und ihre RezipientInnen. Letzteren sei derweil empfohlen, statt Ken Follet besser Samuel Beckett zu lesen. Und einen Satz wie „Es lohnt sich nicht zu leben, solange man arbeiten muß", wie André Breton es in Nadja formuliert, dürfte ein Stuckrad-Barre schwerlich hinbekommen.
RSS