29.Januar2007
Praktika nach dem Hochschulabschluss
Schlagworte: Arbeit // Wahlen 2007
"[Es] gibt keine Schichten in Deutschland. Es gibt Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das hat es schon immer gegeben. Aber ich wehre mich gegen die Einteilung der Gesellschaft.“ Franz Müntefering, Oktober 2006
Lebenslügen der SPD gibt es wie Sand am Meer, da kommt es auf eine mehr oder weniger nicht an. Dass der sozialdemokratische Vizekanzler und Arbeitsminister auch ein Meister des Zynismus ist, hat er spätestens bei dieser Apologie der "Agenda 2010“ und der mit ihr zugerichteten Gesellschaft unter Beweis gestellt. Am 18. Januar 2007 zeigte er, dass er kein Interesse daran hat, sich für die einzusetzen, "die es schwerer haben, die schwächer sind“: Im Bundestag wurde über gesetzliche Regelungen zum Schutz von PraktikantInnen vor Ausbeutung debattiert. Reaktion des Ministers, der im September 2006 verlautbarte, sein Ministerium werde sich des Problems annehmen: bislang keine. Nun soll ein Themenschwerpunkt Praktika auf der ministerialen Webseite aufgebaut werden, ansonsten passiert wohl nichts.
Ohne das Normalarbeitsverhältnis schönreden zu wollen: Es garantierte − zumindest für einen Teil der Beschäftigten in der "Ersten Welt“ − ein halbwegs gesichertes Auskommen. Seine Auswirkungen waren ambivalent: einerseits goss es die Ausbeutungsverhältnisse in Beton, andererseits reduzierte es die Risiken für lohnabhängig Beschäftigte. Kündigungsschutz, Betriebsräte, Weihnachts-, Urlaubs- und Krankengeld, Arbeitszeitregelungen, Überstundenvergütung, die Geltung eines Tarifvertrags, das Bestehen einer Sozialversicherung, Betriebsrisiko des Arbeitgebers − von den Gewerkschaften erkämpfte Errungenschaften, die wir auch und gerade unter kapitalistischen Verhältnissen nicht missen möchten. Die Ablösung dieser Errungenschaften scheint aber unmittelbar bevorzustehen, bzw. sind für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Arbeitsverhältnisse bereits abgeschafft. Inzwischen dominiert wegen des Drucks auf dem Arbeitsmarkt die Angst um den Arbeitsplatz, "so widerwärtig er auch sein mag“ (Bourdieu). Im Organisationsbereich der IG Metall − dazu gehören auch IT-Unternehmen mit hoch qualifizierten Tätigkeiten −, so ergab eine im Herbst letzten Jahres veröffentlichte Studie der Gewerkschaft, sind rund 30 Prozent der Erwerbstätigen unter 30 Jahren prekär beschäftigt.
Nix Arbeit, nur Pommes! Nächster!
Waren von Arbeitslosigkeit, ungesicherten Arbeitsverhältnissen und Niedriglöhnen ehedem weniger gut Ausgebildete betroffen, gibt es mittlerweile auch in den "akademischen“ Berufen eine Erosion der Normalarbeitsverhältnisse und deren Ersatz durch prekäre Beschäftigungsformen. Deren Ausgestaltungen sind vielfältig: erzwungene Teilzeitbeschäftigung, Leiharbeitsverhältnisse, Befristungen und Kettenarbeitsverträge, Scheinselbstständigkeit und Werkverträge sowie Praktika - nicht nur während des Studiums, sondern auch nach erfolgreichem Abschluss.
Hangelte man sich früher nach dem Hochschulabschluss von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, bis irgendwann ein fester Arbeitsplatz gefunden war, geht der Trend zurzeit dahin, sich von Praktikum zu Praktikum durchzuschlagen − un- oder nur gering bezahlt, mit voller Arbeitszeit, in den Betriebsablauf voll eingebunden. Gerne langfristig, ein halbes Jahr und länger. Das Geld zum Leben kommt von Mama und Papa, Oma und Opa, vom Staat oder aus Jobs neben der eigentlichen PraktikantInnen-Arbeitszeit.
Von Ausbildung und Einführung in die betriebliche Praxis kann oft keine Rede sein. Die PraktikantInnen ersetzen vielmehr "echte“, also regulär bezahlte Arbeitskräfte. Oft wird ihnen vage zugesagt, danach eine Festanstellung zu bekommen. Sollte dem im Anschluss wirklich so sein, wirkt das Praktikum als Probezeit vor der Probezeit. Auf die Kernbelegschaften, sofern noch vorhanden, wird Druck ausgeübt: Seht her, es geht doch auch kostenlos, kommt uns bloß nicht mit Ansprüchen.
Zu fordern ist eine gesetzliche Definition von Praktika, nämlich als Ausbildungsverhältnisse in Abgrenzung zu Beschäftigungsverhältnissen. Sowohl eine Höchstdauer als auch eine Mindestvergütung müssen festgelegt werden.
Mehr Infos:
Campus Office Bochum des DGB, der GEW und des AStA der Ruhruni - BeraterInnen: Tanja Tästensen und Michael Trube - Arbeits- und Sozialrechtsberatung für JobberInnen. Mittwochs, 15 - 18 Uhr, Studierendenhaus, SH 016. Mail: hib@gew-bochum.de

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