Soirée du film noir
Donnerstag, 19. Januar 2006, 19:30 Uhr, GABF 04/611
Zur Einstimmung auf die Studierendenparlamentswahlen vom 23. bis 27. Januar lädt die Linke Liste zu einem Filmabend am 19. Januar 2006 ein. Gezeigt werden – passend zum Wahlkampfmotto: Licht ins Dunkel – „Die Wendeltreppe“ (The Spiral Staircase, 1945) und „Tote schlafen fest“ (The Big Sleep, 1946).
Beide Filme gelten als Klassiker des „film noir“, der sogenannten schwarzen Serie Hollywoods, bei der es sich tatsächlich jedoch weder um eine Serie noch um ein eigenes Genre handelt. Unter dem Etikett „film noir“, das der französische Filmkritiker Nino Frank bereits 1946 geprägt hat, werden bis heute gemeinhin jene Kriminalfilme der vierziger und fünfziger Jahre gefaßt, die sich nicht nur optisch durch ihre düstere Atmosphäre, sondern auch durch eine pessimistische Grundhaltung auszeichnen, die sie von klassischen Hollywoodfilmen (die Horror- und Gangsterfilme der dreißiger Jahre eingeschlossen) unterscheidet. Wichtige Inspirationsquellen des „film noir“ sind die amerikanische „hard-boiled detective novel“, wie sie vor allem Dashiell Hammett und Raymond Chandler geprägt haben, und der deutsche expressionistische Film.
Ausschlaggebend für die emotionale Wirkung dieser Filme ist weniger das Happy-End, das die meisten von ihnen als formelle Konvention sogar strikt einhalten, als vielmehr die Erfahrung, daß moralische Wertvorstellungen sich regelmäßig blamieren vor einer Wirklichkeit, in der sich vorzugsweise die Schurken zurechtfinden. Der moralisch integre Held mit weißem Hut ist in der Welt des „film noir“ von vornherein zum Scheitern verurteilt. Charakteristisch sind spröde Typen, die stur auf ihren eigenen Vorteil blicken und für hochtrabende Ideale nichts übrig haben. Das gilt auch für die vermeintlich positiven Protagonisten der Filme. Bemerkenswerter noch als die illusionslosen Männergestalten sind allerdings die selbstbewußten und raffinierten Frauen, die die Haustür von außen zuschlagen und es mit den Männern an Gehässigkeit aufnehmen.
Der „film noir“ gilt zugleich als einer der künstlerischen Höhepunkte des klassischen Hollywoodkinos. Auch wenn „Die Wendeltreppe“ dieser Gattung nur mit Einschränkungen zuzurechnen ist, insofern die literarischen Einflüsse in diesem Fall eher in der englischen „Gothic novel“ zu suchen sind, können die beiden hier gezeigten Filme dennoch als exemplarische Vertreter gesehen werden, die jeweils ein wichtiges Element des „film noir“ zur Schau stellen: Während „The Big Sleep“ die Detektivfilmtradition respräsentiert (und mit Humphrey Bogart in der Rolle des Philip Marlowe gleich zwei Ikonen dieses Fachs vorstellt), erinnert „The Spiral Staircase“ mit dem artifiziellen Dekor und dem bisher längsten Gewitter der Filmgeschichte vor allem an die Tradition des expressionistischen Films, den der in Deutschland aufgewachsene und später vor den Nazis geflüchtete Robert Siodmak noch sehr genau vor Augen gehabt haben dürfte.
The Spiral Staircase, USA 1945; Regie: Robert Siodmak; Drehbuch: Mel Dinelli nach dem Roman „Some Must Watch“ von Ethel Lina White; Kamera: Nicholas Musuraca; Darsteller: Dorothy McGuire, Ethel Barrymore, George Brent, Gordon Oliver u.a.; Produktion: David O. Selznick / RKO; s/w 82 Min.
The Big Sleep, USA 1946; Regie: Howard Hawks; Drehbuch: William Faulkner u.a. nach dem gleichnamigen Roman von Raymond Chandler; Kamera: Sidney Hickox; Darsteller: Humphrey Bogart, Lauren Bacall, John Ridgely, Martha Vickers u.a.; Produktion: Howard Hawks / Warner; s/w 114 Min.
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