21.Dezember2005
Universität
Nr. 1
Schlagworte: Hochschulpolitik // Kritische Wissenschaft
* Die Bezeichnung Universität für "Hochschule" wurde im 14. Jh. (mhd. universität) aus lat. universitas (magistrorum et scolarium) "Gesamtheit (der Lehrenden und Lernenden)" entlehnt.
Wer die moderne Massenuniversität für das äußerste hält, irrt. Im ansonsten verrufenen Mittelalter beispielsweise, lange bevor man sich auf die Freiheit der Wissenschaft allzu viel einbildete, wurde, wer von Herkunft dazu bestimmt war, zwar einerseits Theologe, aber immer auch Universalgelehrter. Die Unterrichtung in den artes liberales, den so genannten sieben freien Künsten, war Garant für menschenmögliche Erkenntnis und ein in Grenzen sorgenfreies Leben. Seit Jahrhunderte später, alsbald von aufgeklärter in unternehmerische Hand übergelaufen, die Universität sich entschlossen hatte, nicht mehr universitas zu sein, sondern sich als Gemischtwarenhochschule einzurichten, war es damit vorbei. Die Erlösung, nicht mehr Theologen werden zu müssen, zahlen Studenten und - Ironie des Fortschritts - auch Studentinnen heute damit, sich zu Volltrotteln einer Disziplin diplomieren zu lassen.
Studieren heißt vor allem: einen Studiengang wählen und am besten schon wissen, was hernach damit anzufangen ist. Wissen hängt vorab daran, ob es einem vorgesehenen ’Arbeitsplatz’ zugeordnet werden kann. Und blind arbeitsteilig wie die Produktion ist bereits die Wissenschaft als dazugehörige Produktivkraft organisiert. Ihr überlieferter Anspruch bleibt von solcherart Demokratisierung nicht unbeschadet. Was allerdings weniger dem reaktionären Verdacht Recht gibt, dass viele auf einmal nicht denken können. Im Gegenteil ist es die an der Fabrik geschulte Wissenschaft selbst, die, indem sie nur auf isolierte Zwecke hin zu denken zulässt, Erkenntnis systematisch sabotiert, einbegriffen die ihrer eigenen gesellschaftlichen Möglichkeit. Die Aufsprengung des Wissens in zahlreiche Wissenschaften ist im buchstäblichen Sinne praktisch. Sie hat eine ebensolche Vielzahl von Wahrheitsdiskursen hervor gebracht, deren gemeinsamer Nenner nicht zufällig ein verkürzt erfahrungswissenschaftliches Erkenntnisideal ist. Eine Wahrheit wie etwa die, dass jene ’Wissensgesellschaft’ ein verrückter, aber zum Trost nicht unendlicher Zirkus ist, gerade so wie die kapitalistische Gesellschaft im Ganzen, ist keiner ihrer Wissenschaften mehr vermittelbar. Erst ein Scholastiker würde sie womöglich verstehen.
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