22.Januar2009
Victim Survey der Kriminologie – Gute Absichten, problematische Umsetzung
Schlagworte: Gender // Kritische Wissenschaft // Wahlen 2009
Im vergangenen Jahr führte das Institut für Kriminologie der Ruhr-Universität eine Studie durch, die mittels eines „Victim Survey“ die Art und die Häufigkeit sexueller Übergriffe auf dem Bochumer Campus ermitteln sollte. Auch der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) stellte sich bewusst hinter das erstmalige und weitreichend unterstützte Projekt – obwohl es einige kritikwürdige Punkte gab, die wir euch nicht vorenthalten möchten. An der Umfrage zeigte sich nämlich, dass sich trotz bester Absichten häufig sexistische und normative Annahmen über Geschlechterrollen auch in den akademischen Alltag einschleichen.
Beste Absichten
Das Vorhaben, das Thema sexueller Übergriffe im universitären Umfeld durch eine empirische Untersuchung in den Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit zu rücken, ist zweifellos äußerst begrüßenswert. Zudem ist sie für die Betroffenen möglicherweise eine Chance, über dieses oft tabuisierte Thema zu sprechen und aus der Anonymität zu treten. Ebenfalls positiv ist die offensichtliche Intention zu bewerten, durch die Ergebnisse dieser Forschung den Umgang der staatlichen Organe mit den Opfern zu verbessern. Der Tenor der Befragung schien nämlich in die Richtung zu gehen, durch das professionellere Verhalten der Beamten die Hemmung zu einer Anzeige der Tat abbauen zu wollen.
Nur Frauen können Opfer sein...
So weit, so gut, könnte man meinen und an den oben beschriebenen Intentionen ist kaum etwas auszusetzen. Die Probleme beginnen jedoch bei dem durch die Umfrage angesprochenen Personenkreis: Mit viel Aufwand wurden die Fragebögen an alle 15.621 Studentinnen der RUB verschickt, so dass knapp die Hälfte von euch die Möglichkeit hatte, an dem „Victim Survey“ teilzunehmen. Als Mann hingegen war „mann“ von vornherein von der Umfrage ausgeschlossen: Wer in der Online-Version sein Geschlecht als „männlich“ angab, konnte nicht teilnehmen. Auch wenn es sein mag, dass die Zahl der männlichen Opfer sexueller Gewalt weit hinter jener der weiblichen Opfer zurückbleibt, halten wir diesen Ausschluss für falsch. Zum einen wird den potentiellen männlichen Betroffenen die Ernsthaftigkeit ihrer Erfahrung abgesprochen, zum anderen wird die problematische Gleichsetzung „Opfer = Frau“ postuliert.
...und nur Männer Täter?!
Das ist nicht alles: Die Fragen des Survey waren so formuliert, dass als Täter stets ein Mann dargestellt wurde. Auch hier findet eine unzulässige Generalisierung vom statistischen Normalfall statt. In Verbindung mit der Unterstellung der Weiblichkeit der Opfer ergibt sich damit eine vorausgesetzte Heterosexualität von Tätern und Betroffenen. Diese Ignoranz gegenüber sämtlichen anderen Sexualitäten, wobei neben Hetero- und Homosexualität noch etliche weitere real und denkbar sind, ist sehr problematisch. Allzu oft werden durch herrschende heteronormative Sprach- und Denkstrukturen alle anderen Möglichkeiten und Alternativen verdrängt und marginalisiert. Dies geschieht nicht nur im Alltag, sondern findet offensichtlich Eingang auch in den akademischen Diskurs.
„She has sex, but no particular gender“
– dieser Spruch über Marlene Dietrich drückt für uns eine progressive Position aus. Denn im Kontrast zu den oben beschriebenen Problemen, auf die leider jeder stößt, der mit offenen Augen durch den Uni-Alltag geht, steht die Linke Liste für eine konsequente Gleichberechtigung aller Geschlechter und sexueller Ausdrucksformen. Daher haben wir auch die Kritikpunkte an das Institut für Kriminologie weitergegeben und eine positive Rückmeldung erhalten. So ist zumindest zu hoffen, dass in der nächsten Umfrage nicht nur heterosexuelle Übergriffe Berücksichtigung finden.
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