Linke Liste

an der Ruhr-Universität Bochum

»Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.«

B. Brecht

Sie befinden sich hier: Startseite > StuPa-Wahlen 2010

King of the Monsters

18.Januar2010

Von Goldhagen bis Knopp

Erinnerungskultur in Deutschland

Schlagworte: Geschichtspolitik // Wahlen 2010

Das von Norbert Frei schon früh angesprochene Problem des Verschwindens der Zeitzeugen, gemeint war das „Aussterben“ derjenigen, die den Nationalsozialismus als Erwachsene miterlebt haben, nimmt zunehmend Gestalt an. Scheinbar schwindet mit den Zeitgenossen aber in der Öffentlichkeit auch die Masse der Täter, die sowieso nur kurze Zeit im „Rampenlicht“ standen. War in den Anfangsjahren der Bundesrepublik der Täterkreis schnell ausgemacht – verantwortlich seien Hitler und seine Führungsclique, wie Göring, Goebbels, Himmler und einige weitere, sowie die SS gewesen; von den Verbrechen der Wehrmacht zum Beispiel noch keine Spur –, klagten erstmals Studierende Ende der 1950er Jahre personelle Kontinuitäten von NS-Verbrechern an. Im später anlaufenden Streit zwischen Strukturalismus und Intentionalismus in der Geschichtswissenschaft kam es zu neuen und fruchtbaren Perspektiven des Verlaufs der faschistischen Herrschaft. Im Strukturbegriff sind aber oftmals die Täter aus dem Blick geraten unter der Verengung aller Erscheinungen auf strukturelle Bedingtheiten.


Die Goldhagen-Debatte

In den 1990er Jahren gab es zwei Anlässe, die die Täter - und zwar die Masse der Täter - in den Mittelpunkt rückten. Zum einen erschien 1996 Daniel Jonah Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“, das schon vor seinem Erscheinen in deutscher Sprache in den Feuilletons für mächtig Wirbel sorgte. Goldhagen geht in seiner Untersuchung der Frage nach, welche Rolle die „gewöhnlichen Deutschen“ bei der nationalsozialistischen Judenverfolgung spielten und welche Bedeutung dem Verhalten der breiten Bevölkerung bei der Vernichtung der Juden zukam. „Dass Goldhagen diese Fragen in den Mittelpunkt gerückt hat, ist ein bleibendes Verdienst“, konstatiert der Freiburger Historiker Ulrich Herbert – trotz aller Mängel, die Goldhagens Studie aufweist.

Die erste Wehrmachtsaustellung

Zum anderen startete 1995 die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, besser bekannt als „Wehrmachtsausstellung“, ihre Rundreise durch die Republik. Auf weit über 1000 Fotografien dokumentierte sie die Beteiligung einfacher Landser an Kriegsverbrechen und der Vernichtung der europäischen Juden. Sie zerstörte damit nicht nur die Legende von der „sauberen Wehrmacht“, sondern zeigte auch, dass unzählige „gewöhnliche Deutsche“ an diesen Verbrechen beteiligt waren - und das keineswegs widerwillig. Diese Demontage des Mythos des ehrenhaften deutschen Wehrmachtssoldaten rief heftige Empörung und Proteste hervor. Nachdem die Ausstellung durch die fachlich korrekte Kritik an der falschen Zuordnung einiger weniger Fotographien in ihrer Gesamtaussage öffentlich diskreditiert worden war, wurde sie Ende 1999 zurückgezogen.

Die zweite Wehrmachtsaustellung

Rückten also Mitte der 1990er auch in der Öffentlichkeit die Täter der nationalsozialistischen Verbrechen und ihre Motive in den Mittelpunkt, verschwanden sie dort auch verhältnismäßig schnell wieder. Paradigmatisch ist hier die „überarbeitete“ Version der Wehrmachtsausstellung, die 2005 im Deutschen Historischen Museum Berlin eingemottet wurde. In der neu konzipierten und gestalteten Ausstellung fehlen die bezeichnenden Landserfotos vollständig, die Täter sind somit aus dem Sichtfeld entschwunden. So gab es an der neuen Ausstellung in der breiten Öffentlichkeit keine Kritik mehr. Denn an dem Faktum, dass die Wehrmacht an Verbrechen beteiligt war und sie teilweise selbst vorangetrieben hat, besteht für die Mehrheit der deutschen Bürger kein Zweifel. Die Verbrechen werden auf abstrakter Ebene also keineswegs mehr geleugnet oder verdrängt. Dass es eine spezifisch deutsche Verantwortung für die nationalsozialistische Vergangenheit gibt, wird weitestgehend nicht mehr in Frage gestellt. Doch gibt es beunruhigende Indizien, dass die „Täterforschung“ nur noch in den Archiven und historischen Bibliotheken dieser Republik geführt wird.

Harald Welzer, Sozialpsychologe an der Uni Witten-Herdecke, hat in seiner Untersuchung „Opa war kein Nazi“ festgestellt, dass der Großteil der Enkelgeneration über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen gut informiert ist und diese auch keineswegs abstreitet oder leugnet. Trotzdem ist in der tradierten Familienerinnerung jeder Großvater und jede Großmutter irgendwie gegen den NS aufgestanden oder hat sich in die „innere Emigration“ zurückgezogen, war also an keinen Untaten beteiligt, im Grunde nicht mal Nazi. Doch gilt dies vor allem für den Bereich der persönlichen Erinnerung. In der öffentlichen Erinnerung hat das zunehmend funktionalisierte Erinnern an den NS-Faschismus und den Holocaust immer noch seinen Platz, doch verschwinden auch hier die Täter.

Guido Knopp, der TV-Historiker vom Dienst, verwischt in seinen vielgesehenen Geschichtsdokus die Grenzen zwischen Tätern und Opfern. SS-Schergen und besonders exponierte Personen werden deutlich als Täter gekennzeichnet, während die Masse der befragten Zeitzeugen nicht so leicht einzuordnen ist. Waren nicht letztlich alle irgendwie Opfer des größten Krieges der Menschheitsgeschichte - der Auschwitz entronnene Jude und überlebende russische Zwangsarbeiter ebenso wie der deutsche Wehrmachtsoffizier, der an Massenexekutionen teilgenommen hat? Und eben die Verdrängung der Opfer der deutschen Gräuel geschieht zu Gunsten der Viktimisierung der deutschen Bevölkerung. So wird die Bombardierung durch die alliierten Kräfte von Jörg Friedrich sprachlich in die Nähe des Holocaust gerückt und das "Leid der Vertrieben", u.a. in der aktuellen Debatte um Erika Steinbach, füllt die Feuilletons wie Fernsehkanäle.