18.Dezember2006
Zur falschen Zeit am falschen Ort
19.12., 20 Uhr: Filmvorführung mit einleitendem Vortrag von Tjark Kunstreich
Schlagworte: Antifa // Veranstaltungen
Potzlow, Brandenburg 450 Einwohner. Im Juli 2002 wurde hier der 17-jährige Marinus von drei Jugendlichen brutal gefoltert, zu Tode misshandelt und in eine Jauchegrube verscharrt.
Die Regisseurin Tamara Milosevic wagt in ihrem Film "Zur falschen Zeit am falschen Ort" einen Blick auf die Potzlower Zustände, wie er radikaler nicht sein könnte. Sie besuchte im Sommer 2004 über den Zeitraum eines halben Jahres Potzlow und beobachtete das Biotop, in dem Marinus Schöbel nicht überlebt hat. Der Film zeigt in strenger Dramaturgie den Alltag von Leuten, die keinen Alltag mehr haben. Alt und Jung sitzen beisammen und kiffen und trinken und trinken und kiffen.
Der Film kommt ohne Kommentare aus, die einzigen beiden Off-Kommentare sind Zitate aus der Anklageschrift und aus einem ärztlichen Gutachten über Matthias. "Zur falschen Zeit am falschen Ort" erinnert in der Filmsprache, in der Dialektik von Nähe, wie sie die Kamera schafft, und Distanz, wie sie die Montage herstellt, an das Werk von Claude Lanzmann. Ein großer Vergleich - aber die gelungene Gegenüberstellung der Realität des Täterumfelds, in dem es keine Rückkehr zur Normalität gibt, weil die Normalität gar nicht durchbrochen wurde, mit der Realität des Opferumfelds, in der das Trauma die biografische Kontinuität zerstört hat, ist eine herausragende Dokumentation deutscher Zustände.
RSS